
Rakvere ist eine lebendige Stadt im Norden Estlands mit einer lutherischen Gemeinde, die über ihre Kirchenmauern hinaus wirkt. Rund 15.000 Menschen leben hier. Die Dreieinigkeitsgemeinde gehört zu den größeren lutherischen Gemeinden Estlands. Ihr Pastor Tauno Toompuu ist seit 2007 hier tätig. Die Gemeinde ist aktiv: Gottesdienste, Bibelstunden, Seniorentreffen, Konfirmandenarbeit und zahlreiche weitere Angebote gehören zum Gemeindeleben.
Eindrücklich ist eine Arbeit, die zunächst ganz unscheinbar wirkt: Im Pfarrhaus gibt es ein kleines Arbeitszentrum für Menschen mit Behinderungen. 2016 begann die Gemeinde, diese Menschen stärker in den Blick zu nehmen. Ein bis zwei Personen waren schon zuvor zum Gottesdienst gekommen. Doch außerhalb der Gottesdienste fehlten ihnen Begegnung, Beschäftigung und Perspektiven. Manche lebten mit ihren inzwischen alten Eltern zusammen ohne Perspektive und ohne jegliche Förderung.

unterstützt (Foto: Haaks)
Die Gemeinde wollte nicht einfach helfen, sondern einen Ort schaffen, an dem Menschen dazugehören und etwas beitragen können. Heute kommen etwa zehn Menschen regelmäßig zweimal in der Woche zusammen. Sie arbeiten an Webstühlen, fertigen Dichtungsringe für die Automobilzulieferung an und übernehmen unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten. Eine Sozialarbeiterin begleitet die Gruppe, unterstützt von Ehrenamtlichen. Auch der Staat beteiligt sich an der Finanzierung, so dass die wesentlichen Kosten gedeckt werden.
Es ist eine kleine, aber bemerkenswerte Form von Inklusion. Hier geht es nicht darum, Menschen zu beschäftigen, damit sie beschäftigt sind. Es geht um Gemeinschaft, Fähigkeiten und Würde. Einige der Teilnehmenden wohnen auch hier. Andere kommen zum Arbeiten. Manche sind jung, andere bereits um die 50.
Tauno Toompuu erzählt von diesen Menschen mit großer Wärme: Sie gäben ihm „Freude und Hoffnung“. Und man spürt, dass diese Arbeit für ihn nicht irgendein zusätzliches Projekt ist. Sie gehört zum Wesen seiner Gemeinde.
Dabei könnte das Zentrum noch mehr Menschen aufnehmen. Zwei weitere Plätze wären möglich. Doch dafür fehlt es derzeit an Geld. Für die Gemeinde ist es zudem motivierend zu sehen, dass es lohnt, Verantwortung zu übernehmen für die, die wenig Chancen sonst haben.
Toompuu selbst ist in Rakvere gut vernetzt. Er arbeitet zweimal in der Woche als Militärseelsorger und engagiert sich zugleich kommunalpolitisch. Seit der Kommunalwahl 2025 ist er Mitglied des Stadtrates und Vorsitzender des Sozialausschusses. Seine Kontakte in Stadt und Gesellschaft sind auch für die Gemeinde hilfreich. Er kennt die Menschen, die Strukturen und die sozialen Herausforderungen seiner Stadt.
In Rakvere wird etwas sichtbar, das für eine evangelische Diasporagemeinde besonders wichtig ist: Kirche lebt nicht nur sonntags im Gottesdienst. Sie lebt in Beziehungen. Sie hört zu, verbindet Menschen und schafft Räume, in denen auch diejenigen einen Platz finden, die sonst leicht übersehen werden.
Das GAW 2018 hat die Behindertenarbeit der Gemeinde unterstützt.

Die alte Kirche von Rakvere, die schon von Weitem mit ihrem Kirchturm zu sehen ist, erzählt von Jahrhunderten christlicher Geschichte. Die Geschichte der lutherischen Gemeinde reicht weit zurück. Bereits im 13. Jahrhundert sind Geistliche in Rakvere belegt. Um 1430 wurde eine steinerne Kirche vollendet, die dem Erzengel Michael geweiht war. Sie wurde in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts mehrfach schwer beschädigt. Nach der Zerstörung entstand zunächst eine Holzkirche; zwischen 1684 und 1691 wurde die steinerne Kirche wiederaufgebaut und 1698 als Dreieinigkeitskirche (Kolmainu kirik) geweiht.
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