Mart Jaanson ist 60 Jahre alt und Pastor in Nõo, dem historischen Nüggen, südlich von Tartu. Zugleich ist er Propst und trägt Verantwortung für elf Gemeinden. Wenn Mart über die Zukunft der lutherischen Kirche in Estland spricht, klingt das nicht nach Resignation. Im Gegenteil: „Wir haben können uns Ruhe nicht erlauben und müssen uns bewegen. Unsere Mission ist es, Menschen einzuladen Menschen ein. Man muss sich bewegen.“ Mart sagt: „Die besseren Zeiten kommen noch für die Kirche in Estland.“

Das klingt angesichts einer weitgehend säkularen Gesellschaft überraschend. Doch für Mart ist die Geschichte der lutherischen Kirche eng mit der Geschichte Estlands verbunden und gerade deshalb auch kompliziert. Jahrhundertelang war das Luthertum mit der deutschbaltischen Oberschicht verbunden. Die Reformation kam aus dem deutschen Raum, und bis ins 20. Jahrhundert hinein waren viele Pastoren und kirchliche Eliten deutschbaltischer Herkunft. Erst mit der estnischen Nationalbewegung und der Gründung der unabhängigen Kirche 1917/19 wurde daraus zunehmend eine estnische Volkskirche.

Mart formuliert es zugespitzt: Viele Esten hätten mit der Kirche Schwierigkeiten, weil sie historisch mit Deutschen verbunden gewesen sei. Und nach der deutschen Zeit folgte die sowjetische verbunden mit Russland. So trägt die Kirche für manche Menschen eine doppelte historische Fremdheit in sich. Orthodoxie wiederum wird häufig mit der russischen Tradition verbunden. „Wir müssen immer mehr machen“, sagt Mart. Die EELK müsse zeigen, dass sie eine eigene estnische Kirche ist frei, selbstständig und mitten in der Gesellschaft.

Mart selbst trägt diese Geschichte in seiner Familie. Einer seiner Großväter war Rechtsanwalt und wurde während der sowjetischen Repressionen 1941 nach Sibirien deportiert. Erst Jahrzehnte später erfuhr die Familie, dass er bereits 1942 an einer Infektion gestorben war. Der andere Großvater starb 1949. Die Großmutter kehrte erst 1956 zurück. Auch die Mutter wurde deportiert; vieles davon wollte sie später nicht erzählen.

Die Deportationen waren Teil eines Systems, das nach der sowjetischen Besetzung Estlands 1940 tief in das Leben der Menschen eingriff. Im Juni 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen aus Estland deportiert; im März 1949 folgten mehr als 20.000. Familien wurden auseinandergerissen, Menschen nach Sibirien verschleppt. Viele kehrten erst Jahre später zurück, manche nie.

Und dann hat Mart noch eine andere Erfahrung mit Russland. 1984 bis 1986 musste er seinen Militärdienst in der Roten Armee leisten weit entfernt von Estland, am Japanischen Meer. Acht Stunden Zeitverschiebung trennten ihn von seiner Heimat. In der Armee begegneten sich Tschetschenen, Armenier, Aserbaidschaner, Russen und Menschen aus vielen anderen Teilen der Sowjetunion.

Er beschreibt die Armee als ein hartes, beinahe gefängnisartiges System mit eigenen Regeln und einer brutalen Hierarchie. Die jüngeren Soldaten mussten sich den älteren unterordnen. Wer schwach war, konnte zum Opfer werden. Die Erfahrungen haben sich tief eingeprägt. Nach Hause durfte er in der Zeit nicht.

Aber Mart zieht daraus eine überraschende Konsequenz: „Es hat mich vieles gelehrt. Heute verstehe ich die Russen besser.“

Das bedeutet für ihn nicht, die sowjetische Vergangenheit zu relativieren. Im Gegenteil. Er kennt ihre Gewalt aus der eigenen Familiengeschichte. Aber er kennt auch Menschen aus der Sowjetunion nicht nur als historische Gegner, sondern aus gemeinsamer Zeit, gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Alltag.

Vielleicht liegt darin etwas Wesentliches für seinen Dienst als Pastor. Mart will nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Die Erinnerung gehört dazu. Aber sie darf nicht das letzte Wort haben.

Seine Gemeinde in Nõo ist deshalb für ihn kein Museum der lutherischen Vergangenheit. Sie soll ein Ort sein, an dem Menschen heute eingeladen werden. Musik, Gemeinschaft, Gottesdienst und Begegnung gehören dazu. „Man muss sich bewegen“, sagt Mart.

Die estnische Kirche hat eine schwere Geschichte hinter sich: deutsche Prägung, russische Herrschaft, sowjetische Unterdrückung und die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit 1991. Unter sowjetischer Herrschaft waren Mission, Jugendarbeit und öffentliche religiöse Aktivitäten massiv eingeschränkt. Nach 1991 musste die EELK vieles neu aufbauen in einer Gesellschaft, die sich gleichzeitig stark säkularisierte.

Mart aber schaut nach vorn. Vielleicht gerade deshalb, weil er weiß, wie schnell sich Zeiten verändern können.

„Die besten Tage der Kirche kommen noch.“

Ein Satz gegen die Resignation. Und ein Auftrag: Nicht darauf warten, dass Menschen wieder von selbst in die Kirche kommen. Sondern hinausgehen, einladen, Beziehungen aufbauen und der eigenen Geschichte ins Gesicht sehen.