
„38 Jahre bin ich jetzt hier. Zwei Jahre darf ich noch. Dann bin ich 75 Jahre und habe die Altershöchstgrenze für Pastoren erreicht,“ sagt Pastor Tiit Kuusemaa. Was dann kommt? „Jesus weiß es…“
Puhja ist eine kleine lutherische Gemeinde im Süden Estlands mit großen Aufgaben und sehr begrenzten Ressourcen.
Rund 1.000 Menschen leben in Puhja. 400 bis 500 sind getauft. „Das weiß keiner so genau,“ so Tiit. „Denn viele wurden in der Sowjetzeit getauft und darüber gibt es keine richtigen Aufzeichnungen.“ Etwa 60 Mitglieder tragen die Gemeinde regelmäßig finanziell mit. Im Gottesdienst sitzen meist zehn bis 20 Menschen. Andere Einnahmequelen wie einen eigenen Wald – wie in Estland so oft – oder Land besitzt die Gemeinde nicht. „Wir haben vieles nicht zurückbekommen, was der Kirche früher gehört hat“, sagt Tiit. Der Pfarrer wird von der Gemeinde nicht bezahlt. Er darf umsonst wohnen und bekommt Geld für den PKW. Geld bringt vor allem der Verkauf gebrauchter Kleidung.
Und trotzdem ist die Kirchengemeinde in Puhja erstaunlich lebendig.
Die Kirche des heiligen Dionysius steht hier seit dem späten Mittelalter. Ihre Geschichte reicht mehr als 600 Jahre zurück; die heutige Kirche entstand Ende des 15. Jahrhunderts. Kriege haben ihre Spuren hinterlassen. Im Nordischen Krieg wurde auch das Gewölbe zerstört. Was heute wieder selbstverständlich wirkt, musste über Generationen bewahrt und immer wieder aufgebaut werden.
Dass die Kirche heute mehr ist als ein Denkmal, hat viel mit Musik zu tun. Der Kirchenchor Dionysius besteht seit 1995. Dazu kommt das Karijärve Keelpilliorkester, ein Jugend-Streichorchester, das eng mit Puhja verbunden ist. Kinder und Jugendliche kommen aus verschiedenen Orten und unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen. Die Kirche ist für das Orchester Heimat und Konzertort. 2026 wurde dort das 20-jährige Bestehen gefeiert. Die Gemeinde selbst berichtet von zahlreichen Konzerten und von der Zusammenarbeit mit dem Orchester.
Musik wird dabei bewusst als Mission verstanden. Die jungen Musiker reisen zu Konzerten ins Ausland und bringen umgekehrt Menschen nach Puhja. „Orchesterreisen sind Evangelisation“, sagt Tiit. Die Musik öffnet Türen, die ein klassischer Gottesdienst allein kaum öffnen könnte.
Doch Puhja ist auch eine diakonische Gemeinde.
Im Pfarrhaus gibt es Räume für soziale Arbeit. Kleidung wird gesammelt und kostenlos weitergegeben. Familien können dort unterkommen. Menschen in persönlichen Krisen, Gewaltbetroffene und Menschen mit Suizidgefahr finden Unterstützung. Auch ukrainische Geflüchtete werden begleitet. Jedes Jahr gibt es neue Fälle, in denen Menschen Hilfe brauchen.
Die Gemeinde arbeitet mit dem Kindergarten und anderen Einrichtungen zusammen, pflegt ein lokales Netzwerk und versucht, mitten im Alltag des Ortes präsent zu sein. Auch Pilger finden in Puhja eine offene Tür: Das Pfarrhaus liegt am historischen Pilgerweg von Pirita nach Vastseliina und am estnischen Jakobsweg. Bis zu etwa 20 Menschen können dort übernachten.
So entsteht ein ungewöhnliches Bild: Eine Gemeinde mit wenigen zahlenden Mitgliedern erreicht durch Musik, Diakonie, Pilgerarbeit und Kultur mehr Menschen, als ihre Statistik vermuten lässt.
Das GAW unterstützt die Arbeit und hat wesentlich beigetragen bei der Sanierung des Pfarr- und Gemeindehauses in den letzten Jahren (PK 2017, 2023, 2025, 2026). Völlig heruntergekommen hatte die Gemeinde das Pfarrhaus nach der Sowjetzeit wiederbekommen.
Doch irgendwann wird Tiit gehen.
Was bleibt dann?
Kann die Gemeinde das weitertragen, was hier über Jahrzehnte gewachsen ist? Ein aktiver Kirchenvorstand, ein engagiertes Ehepaar, Ehrenamtliche, Musik, Diakonie und ein Netzwerk im Dorf.
Die alte Kirche hat Kriege und politische Umbrüche überstanden. Ihre Zukunft wird sich entscheiden, ob es gelingt, dass die Ehrenamtlichen der Gemeinde dranbleiben und ihre Kirche wertschätzen, ob es gelingen wird, einen Pastor/eine Pastorin zu gewinnen, die die Menschen hier mag und Lust hat, Gemeinde auf dem Land weiter zu bauen. Einfach wird es nicht. Aber wer hat das versprochen? Und ansonsten: „Jesus Fragen!“
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