Der Grenzfluss Narva an der EU-Aussengrenze (Foto: Haaks)

Narva ist ein besonderer Ort. Der Fluss, der mitten durch die Stadt fließt, ist zugleich die Grenze zu Russland. Auf der anderen Seite liegt Iwangorod. Wer hier lebt, hat den Krieg in der Ukraine und die Frage nach Estlands Zukunft nicht nur in den Nachrichten vor Augen. Sie gehören zum Alltag.

Mit Pfarrer Urmas Karileet und Pfarrerin Merike Küt kann man gut über diese Situation sprechen. Urmas unterstützt die lutherische Alexanderkirchengemeinde in Narva, Merike die kleine Gemeinde im nahe gelegenen Narva-Jõesuu. Beide gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Estlands. Das GAW ist mit beiden Gemeinden verbunden und hat ihre Arbeit unterstützt.

Aleksanderkirche in Narva (Foto: Haaks)

Narva ist stark russischsprachig geprägt. In ganz Estland haben rund 20 Prozent der Bevölkerung die ethnische Nationalität Russisch; für rund 27 Prozent ist Russisch die Muttersprache. Im Nordosten des Landes ist der Anteil deutlich höher. Viele Familien kamen während der sowjetischen Zeit nach Estland. Heute leben hier Menschen, deren Sprache, Geschichte und Identität eng mit Russland verbunden sind, ohne dass daraus automatisch eine politische Loyalität gegenüber dem Kreml folgt.

Gerade die Sprache ist eine große Herausforderung. Estland stellt das Bildungswesen schrittweise auf Estnisch um. Bis 2030 soll Estnisch die Unterrichtssprache sein. Merike erlebt als Lehrerin, wie schwierig dieser Wandel sein kann. Viele Kinder und Jugendliche sprechen zu Hause Russisch und müssen nun in Estnisch lernen. Manchmal, erzählt sie, müsse sie mit Händen und Füßen erklären. Hinter der Sprachenfrage steht deshalb mehr als Grammatik: Es geht um Zugehörigkeit, Identität und unterschiedliche historische Erfahrungen.

Die Alexanderkirche erzählt selbst von dieser Geschichte. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts für die deutschen Arbeiter des riesigen Kreenholmer Textilbetriebs gebaut. Einst fanden hier Tausende Menschen Platz. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer zerstört – wie große Teile Narvas. Der wiederaufgebaute Turm ist heute weithin sichtbar. Doch die große Kirche hat ihre frühere Gemeinde verloren. Heute finden die Gottesdienste in einem kleinen Raum im Turm statt. Die Kirche ist groß, die Gemeinde sehr klein. Zwei Mal im Monat finden Gottesdienste hier statt.

Gerade hier wird sichtbar, was Diaspora bedeutet. Kirche lässt sich nicht allein an Besucherzahlen messen. Es geht darum, ob eine Gemeinde an einem schwierigen Ort präsent bleibt. Das GAW hat die Alexanderkirchengemeinde auf diesem Weg unterstützt. Es hilft damit nicht nur bei der Erhaltung eines historischen Gebäudes, sondern trägt dazu bei, dass evangelische Kirche in Narva überhaupt weiterhin einen Ort hat.

Ähnlich ist es in Narva-Jõesuu. Die kleine Gemeinde ist in einem alten Schulhaus untergebracht, das kaum zu beheizen ist. Auch hier hat das GAW geholfen. Pfarrerin Merike Küt hält neben ihrem Beruf als Lehrerin das Gemeindeleben aufrecht. Es sind keine großen Zahlen, die beeindrucken. Es ist die Bereitschaft, auch unter schwierigen Bedingungen Gemeinde zu sein.

Viele Menschen in Estland fragen sich, was nach dem Ende des Krieges in der Ukraine geschehen wird. Die Geschichte hat tiefe Spuren hinterlassen: Estland war über lange Zeit fremder Herrschaft ausgesetzt und wurde 1940 von der Sowjetunion besetzt. Die Erinnerung daran prägt bis heute das Sicherheitsgefühl vieler Esten.

Urmas sagt über die kleine estnische Minderheit in Narva: „Für mich sind das Helden. Sie halten hier aus.“

Urmas selbst ist Militärkaplan. Ein früherer Assistenzpastor aus Narva arbeitet inzwischen freiwillig als Militärpfarrer in der Ukraine. Er ist russischsprachig, seine Mutter ist Russin. Er begleitet dort Verwundete in einem Lazarett. Zu Urmas sagte er: „Ich fühle mich letztendlich in der Ukraine sicherer als in Narva.“

Solche Sätze zeigen die Ambivalenz dieses Ortes. Russische Sprache bedeutet nicht Russlandtreue. Zugleich können unterschiedliche Medienwelten und Geschichtsbilder Menschen voneinander entfernen. Manche russischsprachige Menschen fragen, warum es überhaupt ein unabhängiges Estland geben müsse. Andere haben sich gerade seit dem russischen Angriff auf die Ukraine klar von der Politik des Kremls distanziert. Dazwischen liegt eine Wirklichkeit, die komplexer ist als die einfache Gegenüberstellung von „Estland“ und „Russland“.

An der Grenze über Politik zu sprechen, ist deshalb nicht leicht. Umso wichtiger sind Orte, an denen Menschen miteinander sprechen können. Die lutherische Kirche ist einer dieser Orte. Sie ist keine politische Institution. Aber sie kann Räume schaffen, in denen unterschiedliche Biografien und Sprachen nebeneinander Platz haben.

Narva zeigt, was Diasporakirche sein kann: klein, verletzlich und dennoch präsent. An einer Grenze zwischen zwei Welten hält sie einen Raum offen für Glauben, Begegnung und die Hoffnung, dass Menschen trotz unterschiedlicher Sprachen und Erfahrungen miteinander im Gespräch bleiben.