Lutherische Kirche in Keila (Foto: Haaks)

Im Gemeindehaus der lutherischen Gemeinde in Keila lebt heute eine ukrainische Familie. Daneben wohnt eine alleinerziehende estnische Frau. Ein weiterer Raum ist vermietet. Was zunächst wie eine ganz normale Vermietungsgeschichte klingt, erzählt darüber, was Kirche in Estland heute sein kann: ein Ort, an dem Menschen ein Zuhause finden und an dem zugleich die Zukunft der Gemeinde gesichert wird.

Keila liegt rund 25 Kilometer westlich von Tallinn und ist eine wachsende Stadt mit mehr als 10.000 Einwohnern. Die evangelisch-lutherische Miikaeli-Gemeinde gehört zu den ältesten Gemeinden Estlands. Ihre Wurzeln reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die heutige Kirche, eine der bedeutenden mittelalterlichen Kirchen des Landes, hat Reformation, pietistische Erweckungsbewegungen, sowjetische Unterdrückung und die Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit erlebt.

Heute ist die Gemeinde lebendig: Gottesdienste, Kirchenmusik und Chor, Kinder- und Jugendarbeit sowie verschiedene Gruppen gehören zum Gemeindeleben. Zugleich steht sie vor der Herausforderung, christliches Leben in einer weitgehend säkularen Gesellschaft zu gestalten.

Die Gemeinde zählt nach eigener Einschätzung möglicherweise bis zu 3.000 Mitglieder. Etwa 1.000 sind sicher erfasst, rund 300 zahlen ihren Mitgliedsbeitrag. Das zeigt die Spannung zwischen einer großen Verbundenheit mit der Kirche und der Zahl der Menschen, die ihre Gemeinde auch regelmäßig finanziell tragen.

Pastor Matthias Burghard (rechts; Foto: Haaks)

Pastor Matthias Burghard kennt diese Situation gut. Seit 2006 lebt er in Estland und ist seit 2018 Pastor in Keila. Zugleich arbeitet er in der deutschsprachigen lutherischen Erlösergemeinde in Tallinn. Er ist damit selbst ein Brückenbauer zwischen Deutschland und Estland und engagiert sich dafür, dass die Kirche mitten in der Stadtgesellschaft präsent ist.

Als 2022 der russische Angriff auf die Ukraine begann, wollte die Gemeinde in Keila ihren Beitrag leisten. Dafür musste das Gemeindehaus ertüchtigt werden. Mit 10.000 Euro aus der Ukraine-Nothilfe hat das GAW wesentlich dazu beigetragen. Wohnraum für Geflüchtete konnte geschaffen und die Heizung des Hauses an das Fernwärmenetz angeschlossen werden. Zuvor wurde das Gebäude mit Öfen beheizt. Das funktionierte nur bedingt. Und die neu eingebauten Wohnungen benötigten dringend einen Heizungsanschluss.

Diese Hilfe ist nachhaltig. Eine ukrainische Familie hat hier ein Zuhause gefunden. Inzwischen haben sie Arbeit gefunden und zahlen Miete. Gleichzeitig lebt eine estnische Mutter mit ihrem Kind im Haus. Ein weiterer Raum ist vermietet und bringt Einnahmen für die Gemeinde. Damit wird aus der Nothilfe langfristig ein Beitrag zur eigenen finanziellen Stabilität.

Die Gemeinde ist dem GAW dafür sehr dankbar. Denn die Unterstützung hat nicht nur Wärme und Wohnraum geschaffen. Sie hat der Gemeinde ermöglicht, ihr eigenes Haus offen zu halten für Menschen in Not und für die Zukunft der eigenen kirchlichen Arbeit.

Matthias Burghard ist sich sicher, dass die Gemeinde in Keila mit ihrer langen Geschichte eine gute Zukunft haben kann. Er ist ein motivierender und gewinnender Pastor, der anpackt und mitreißt.