Johanniskirche in Viljandi (Foto: Haaks)

Rund 16.000 Menschen leben heute in der südestnischen Stadt Viljandi. Vor 20 Jahren waren es noch etwa 19.000. Spürbar ist der Rückgang auch bei den Kindern. Für die beiden lutherischen Gemeinden der Stadt stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie wird aus einer langen kirchlichen Tradition eine lebendige Kirche für die nächste Generation?

Die Johanniskirche und die Pauluskirche erzählen zunächst von einer Zeit, in der Viljandi wuchs. Die mittelalterliche Johanniskirche wurde zum geistlichen Zentrum der Stadt. Die neugotische Pauluskirche entstand im 19. Jahrhundert, als die alte Kirche für die wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichte. Kirche, Musik und Gesang waren auch Teil des estnischen nationalen Erwachens. Die Gemeinden halfen mit, eine eigene estnische Identität zu prägen.

Pauluskirche in Viljandi (Foto: Haaks)

Heute sind die Vorzeichen andere. Die Johannisgemeinde hat fast 2.000 Mitglieder, aber nur 183 Beitragszahlende. Zur Pauluskirche gehören rund 800 Menschen, etwa 200 unterstützen die Gemeinde finanziell. Zwei große Kirchen, Pfarrstellen und vielfältige Angebote müssen mit begrenzten Ressourcen erhalten werden.

In der Johannisgemeinde gibt es seit 2014 die Jaani Lastemaja, einen christlichen Kindergarten. Rund 20 Kinder werden hier täglich von 8 bis 18 Uhr betreut. Musik, Bewegung, Kunst und die Begegnung mit Kirche gehören zum Alltag. Kirchliche Feste werden gefeiert, einmal im Monat treffen sich Familien zum Gespräch. Die Stadt trägt rund zwei Drittel der Kosten. Nur sind die Elternbeiträge Johannis-Kindergarten höher als bei der Stadt. Dafür sind die Gruppen kleiner und die Kinder können individueller gefördert werden

Doch die Konkurrenz um die Kinder wächst während es insgesamt weniger gibt. „So leben wir von Jahr zu Jahr“, sagt die Leiterin. Zugleich müssen die Gehälter der Mitarbeiterinnen konkurrenzfähig bleiben. Und die Kinder im Kindergarten sind nicht automatisch Kinder der Gemeinde.

Gerade darin liegt die Chance: Kirche erreicht Familien, die sonst vielleicht keinen Kontakt zu ihr hätten. Die Johannisgemeinde hat deshalb eine Vision: Der Kindergarten soll eines Tages in das alte Pfarrhaus mit seinem großen Garten ziehen näher an der Kirche, mit besseren Räumen und neuen Möglichkeiten für Begegnung. Noch werden die Räumlichkeiten von der Stadt für ein Museum genutzt. Allerdings gibt es auch keine Heizung. Deshalb soll für das alte Pfarrhaus erst einmal die Heizung installiert werden.

Bischof Marko Tiitus, Pastor Marek Roots
(Foto: Haaks)

Auch die Pauluskirche setzt auf junge Menschen. 30 bis 40 Menschen kommen sonntags zum Gottesdienst, Konfirmanden- und Jugendarbeit gehören zu den Schwerpunkten. Im vergangenen Jahr wurden rund 90 junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren erreicht. Und: Jaani und Paulus arbeiten zusammen. Seit 2011 gibt es eine Vereinbarung für gemeinsame Gottesdienste sowie Angebote für Kinder, Familien und Konfirmanden.

Die Frage lautet deshalb nicht einfach: Jaani oder Paulus? Sondern: Wie können zwei Gemeinden gemeinsam Kirche für eine kleiner werdende Stadt sein? Beide Kirchen liegen in Sichtweite.

Das GAW unterstützt 2027 beide Gemeinden ganz praktisch: In der Johannisgemeinde wird die Heizung des Kindergartens gefördert, in der Pauluskirche die Einrichtung eines Büros für den Pastor. Es geht um Räume und um Wärme aber letztlich um Menschen.

Denn Kirche wächst nicht allein durch volle Konzerte oder schöne historische Gebäude. Sie wächst dort, wo Beziehungen entstehen: zwischen Kindern und Erzieherinnen, Familien und Gemeinde, jungen Menschen und Kirche. Und vor allen Dinge: „Wir müssen in der Stadtgesellschaft präsent sein und uns vernetzen. Gute Kontakte helfen uns beim Bau der Gemeinde,“ sagt Bischof Marko Tiitus. Er ist in der Johannisgemeinde einer der Pastoren neben seiner Bischofstätigkeit.