
Narva (Foto Haaks)
„Ich war damals 46 Jahre alt, “ erzählt Urmas Karileet. „Ich war Manager und habe Firmen beraten. Pastor zu werden, war keineswegs mein Lebensplan.“ Als Estland unabhängig wurde, interessierte er sich für mysteriöse Themen. Der christliche Glaube spielte in seinem Leben keine eine Rolle. Noch als Erwachsener wusste er nicht einmal, dass er als dreimonatiges Kind in Käsmu getauft worden war.
Der Wendepunkt in seinem Leben kam während einer Autofahrt auf einer estnischen Insel. Im Radio hörte Urmas einen christlichen Sender. Etwas weckte seine Aufmerksamkeit und ließ ihn die lutherische Kirche neu entdecken. „Es ist Gottes Werk. Gott hat mich gerufen“, sagt er heute. Er ging in einen Konfirmationskurs. In Estland sind die meisten Teilnehmer:innen im Konfirmandenunterricht Erwachsen. Bevor er konfirmiert wurde musste nachgeforscht werden, ob er getauft worden war. In den Kirchenbüchern in Käsmu stand es dann. Niemand in der Familie hat es jemals erzählt.
2009 begann er mit dem Theologiestudium. Sechs Jahre dauerte die Ausbildung: Vier Tage im Monat Präsenzstudium, daneben Arbeit und Familie. Insgesamt sechs Jahre bis zur Ordination. Heute ist er 68 Jahre alt und ist Pastor in Käsmu, Haljala und Narva.
Die drei gemeinden zeigen, wie vielfältig seine Aufgaben sind. In Käsmu, dem kleinen Küstenort im Nationalpark Lahemaa, geht es darum, eine kleine lutherische Gemeinde lebendig zu halten und die historische Kirche als Ort des Glaubens und der Begegnung zu bewahren. Jeden MOrgen bietet er verläßlich eine Morgenandacht an. In der Regel kommen vier Leute. Im Sommer, wenn der Ort voll ist auch mal 10 -15. „Mir gibt diese Morgenandacht Kraft und Ruhe für den Tag – und das schon seit 10 Jahren,“ so Urmas. „Nur drei Mal musste diese Andacht in diesen Jahren ausfallen!“

in Käsmu (Foto.Haaks)
In Haljala ist die Aufgabe eine andere. Die große, historisch bedeutende Kirche ist eng mit der deutschbaltischen Geschichte der Region verbunden und wurde in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert. Doch für Urmas ist sie nicht nur ein Denkmal. Sie soll ein lebendiger Ort für Gottesdienst und Gemeinde bleiben. Bibelstunden, Seniorentreff, Konfirmandenarbeit und vielfältige Kontakte zu anderen Kirchen gehören zum Gemeindeleben. Die Kirche ist nach dem Heiligen Mauritius benannt. Geren würde er eine Gemeinde in der Nordkirche finden, die auch mit Mauritius im Namen oder als Heiligenfigur verbunden ist. um eine Partnerschaft einzugehen.
Und dann ist da Narva, die Stadt an der Grenze zu Russland. Hier ist die Situation noch einmal anders: Die lutherische Gemeinde lebt in einem überwiegend russischsprachigen Umfeld und steht vor der Herausforderung, evangelische Kirche in einer Stadt mit einer besonderen Geschichte und Gegenwart zu sein. Hier ist er insbesondere mit seinen Managementfähigkeiten gefordert, denn die Gemeinde ist vor einigen Jahren bankrott gegangen. Sie hatte sich übernommen mit den vielen Bauaufgaben an der ehemals großen Aleksanderkirche. Die Kirche und ihre Gebäude wurden von der Stadt übernommen. Noch ist unklar, wann und wie die Kirche endlich komplett saniert werden kann. Die Stadt Narva will ein kulturzentrum hier einrichten. Die Gemeinde ist dennoch gefordert und feiert weiter Gottesdienste im Kirchturm
„Ich leibe das, wa sich tue,“ sagt Urmas. Bis 75 will er, wenn er gesund bleibt, diesen Dienst tun. Bis dahin will er noch einiges auf den Weg bringen. Dabei: Ein Tag als Manager konnte ihm früher so viel einbringen wie heute ein Pastor in einem ganzen Monat. Trotzdem hat er sich für diesen Weg entschieden. Nicht aus Karrieregründen, sondern aus Überzeugung: „Gott hat mich gerufen!“ Und dieser Ruf führt ihn heute mitten hinein in das Leben der Menschen: in Käsmu, Haljala und Narva.
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