Runder Tisch der Reformierten Kirche mit den
Partner aus Deutschland, der Schweiz, Schottland
und Irland (Foto: Haaks)

Ich bin sehr dankbar, dass ihr gekommen seid“, sagt Bischof Sandor Zán Fábián zur Begrüßung. „Auch wenn Transkarpatien vergleichsweise ruhig ist: Das Leben in der Ukraine ist gefährlich. Wir brauchen den Frieden so dringend. Danke, dass ihr und besucht und uns nicht vergesst!“

Dieser Dank begleitet unseren gesamten Besuch. Denn eine Reise in die Ukraine ist auch im vierten Kriegsjahr keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist Transkarpatien im äußersten Westen des Landes weit von der Front entfernt. Doch der Krieg bestimmt auch hier jeden Tag.

Viele Gemeindeglieder haben ihre Heimat verlassen. Männer fehlen in den Gemeinden, in den Familien und in der täglichen Arbeit. Wer geblieben ist, lebt mit der ständigen Unsicherheit. Polizeistreifen gehören zum Straßenbild, Drohnen überwachen die Grenzregion. Der Krieg ist nicht immer sichtbar aber ständig spürbar.

Eine Kirche, die kleiner wird – und zugleich unverzichtbar ist

Die Reformierte Kirche in Transkarpatien ist eine Kirche der ungarischen Minderheit in der Westukraine. Vor wenigen Jahren gehörten ihr noch deutlich mehr Menschen an. Heute zählt sie nur noch rund 50.000 Mitglieder. Flucht, Auswanderung und die Folgen des Krieges haben die Gemeinden stark verändert.

Eigentlich müsste eine kleiner werdende Kirche ihre Arbeit einschränken.  Während aber die Zahl der Mitglieder sinkt, wächst die Verantwortung. Viele ältere Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Sie leben oft alleine. Ohne die Reformierte Kirche wäre es sehr schwer für sie.

Mit Bischof Zan Fabian und Bela Nagy
(Foto: Haaks)

Béla Nagy formuliert es mit großer Herzlichkeit: „Wir sind dankbar, dass ihr in dieser schwierigen Zeit hier seid. Es ist wunderbar, dass wir uns austauschen können und dass wir zeigen dürfen, was wir unter diesen Bedingungen tun. Ihr seid hier mit offenen Armen willkommen.“

Der Krieg verändert alles

Wie tief der Krieg in den Alltag eingreift, zeigen viele kleine Beispiele.

Selbst Bauprojekte können oft nicht umgesetzt werden. Nicht weil das Geld fehlt, sondern weil es kaum noch Handwerker gibt. Viele Männer sind eingezogen worden oder haben das Land verlassen. Auch Bauprojekte des GAW verzögern sich deshalb.

Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus. Die Kirche bewirtschaftet eigenes Land. Die Erträge finanzieren einen Teil ihrer sozialen Arbeit. Doch etwa 70 Hektar konnten zuletzt nicht bestellt werden, weil Arbeitskräfte fehlen. Die Pacht muss trotzdem bezahlt werden. Ein vom GAW finanzierter Traktor erleichtert vieles, doch auch der beste Traktor ersetzt keine Menschen.

Der Krieg kostet nicht nur Geld. Er entzieht einer Gesellschaft ihre Arbeitskraft.

Dort helfen, wo sonst niemand hilft

Besonders beeindruckend ist die diakonische Arbeit der Reformierten Kirche. Sie ist heute einer der wichtigsten sozialen Träger in Transkarpatien.

Die staatliche Unterstützung für viele ältere Menschen beträgt lediglich 3.000 bis 4.000 Hrywnja im Monat – etwa 60 bis 70 Euro. Gleichzeitig sind Lebensmittel und Medikamente in den vergangenen Jahren massiv teurer geworden. Viele ältere Menschen leben allein. Kinder und Enkel sind ins Ausland geflohen oder zum Militär eingezogen.

Die Kirche füllt diese Lücke.

Rund 340 ältere Menschen erhalten regelmäßig warme Mahlzeiten direkt nach Hause. Mitarbeitende besuchen sie, helfen beim Einkaufen, erledigen Behördengänge, organisieren medizinische Versorgung und schenken vor allem Zeit. Oft ist dieser Besuch der einzige persönliche Kontakt des Tages.

Daneben betreibt die Kirche Sozialküchen, in denen täglich Essen für Bedürftige gekocht wird. Die eigene Bäckerei versorgt Einrichtungen und Gemeinden mit frischem Brot. Das Diakoniezentrum ist zugleich Umschlagplatz für Hilfslieferungen aus vielen europäischen Ländern. Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und Brennholz werden von hier aus weiterverteilt.

Zur diakonischen Arbeit gehören außerdem ein Altenheim mit einer Demenzstation sowie zahlreiche Angebote für Kinder und Familien.

Hoffnung für Roma-Kinder

Seit vielen Jahren engagiert sich die Reformierte Kirche besonders für Roma-Familien. Gerade diese Arbeit zeigt, dass christliche Hilfe mehr sein will als reine Nothilfe. 100 Romakinder werden täglich durch die Arbeit erreicht.

In den Kindergärten und Nachmittagsprogrammen erhalten Kinder warme Mahlzeiten, Hilfe bei den Hausaufgaben und einen geschützten Ort zum Lernen und Spielen. Sie lernen Lesen und Schreiben, gewinnen Selbstvertrauen und erleben, dass sie angenommen sind.

Auch die Eltern werden einbezogen. Es geht um Bildung, Gesundheit und Zukunftsperspektiven und darum, den Kreislauf von Armut und Ausgrenzung zu durchbrechen.

Der Krieg hat diese Arbeit nicht beendet. Im Gegenteil: Sie ist wichtiger geworden.

Partnerschaft trägt

Während unseres Besuches wird erneut deutlich, wie eng die Reformierte Kirche mit ihren internationalen Partnern verbunden ist. Ohne diese Unterstützung wären viele Projekte längst nicht mehr möglich.

Doch auch für das GAW gilt eine Wahrheit: Unsere Arbeit lebt von der Verbundenheit der evangelischen Kirchen in Deutschland. Nur weil Menschen dort spenden, beten und Verantwortung übernehmen, können wir unseren Partnern zur Seite stehen.

Kirche bleibt

Diese Kirche ist kleiner geworden. Sie hat Mitglieder verloren, Mitarbeitende, finanzielle Möglichkeiten und viele junge Männer. Aber sie hat nicht ihre Hoffnung verloren.

Sie bleibt bei den Alten, die niemand mehr besucht. Sie bleibt bei den Kindern, die Zukunft brauchen. Sie bleibt bei den Roma-Familien, die oft übersehen werden. Sie bleibt bei den Menschen, obwohl der Krieg sie täglich herausfordert.

Das ist ein starkes Zeugnis christlichen Glaubens: da sein, helfen und Hoffnung teilen gegen allen Anschein.