Strassenszene aus Havanna
(Foto: M. Smetana)

Die Lage in Kuba hat sich 2026 weiter zugespitzt. Eine massive Energie- und Treibstoffkrise bringt die Grundversorgung an den Rand des Zusammenbruchs: Lebensmittel sind kaum noch zu kühlen, die Müllabfuhr arbeitet nur eingeschränkt, und das medizinische System leidet unter prekären Bedingungen. „Das Volk kann die große Hitze und die mangelhaften Möglichkeiten, Lebensmittel zu konservieren oder zu kühlen, kaum noch ertragen“, berichtet ein kubanischer Pfarrer. „Immer wieder kommt es zu kleinen Protesten.“

Neben der hausgemachten Wirtschaftskrise verschärfen umfassende US-Sanktionen gegen die Energie- und Finanzsektoren sowie Sekundärsanktionen gegen Drittstaaten, die mit Havanna Geschäfte machen, das Leben auf der Insel dramatisch. Die Bevölkerung ist erschöpft, die humanitäre Not wächst.

Die Kirchen finden deutlichere Worte

Vor diesem Hintergrund haben die kubanischen Kirchen ihre bislang eher zurückhaltende Rhetorik spürbar verschärft. Anfang 2026 veröffentlichte die katholische Bischofskonferenz eine vielbeachtete Botschaft, in der sie vor wachsender Hoffnungslosigkeit und einem drohenden sozialen Zerfall warnt. Die Bischöfe fordern einen nationalen Dialog und politische Entscheidungen, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen – für kubanische Verhältnisse eine ungewöhnlich klare Diagnose, die durch die Unterstützung von Papst Leo XIV. internationales Gewicht erhielt.

Bereits 2025 ging die Iglesia Presbiteriana-Reformada en Cuba in einem Pfingstwort deutlich weiter. Sie benannte die Krise als Ergebnis wirtschaftlicher, sozialer und institutioneller Versäumnisse und stellte die Frage, ob die staatlichen Lösungsansätze noch geeignet seien. Sie rief dazu auf, Resignation zu überwinden und gesellschaftliches Engagement für Veränderungen zu fördern. Beobachter werten dies als eine der deutlichsten Stellungnahmen einer offiziell anerkannten protestantischen Kirche seit Jahren. Auch bei konkreten Konflikten, etwa gegen die Erhöhung von Telekommunikationsgebühren, bezogen presbyterianische Vertreter klar Position. Ansonsten versucht sich die Kirche eher ruhig zu verhalten, um ihr sozial-diakonisches Engagement nicht zu gefährden.

Andere protestantische Kirchen wählen zurückhaltendere Wege: Methodistische und baptistische Kirchen benennen die Krise zwar offen, legen den Fokus jedoch auf seelsorgerliche Begleitung und humanitäre Hilfe. Der Ökumenische Rat (Consejo de Iglesias de Cuba, CIC), dem zahlreiche protestantische und orthodoxe Kirchen angehören, konzentriert sich vor allem auf die humanitären Folgen der Krise, wie Medikamentenmangel, die prekäre Wasserversorgung und die schwierige Lage vieler Familien. Politische Forderungen treten dabei hinter den Appell zu Solidarität, humanitärer Unterstützung und internationaler Zusammenarbeit zurück.

Strassenbild (Foto: M. Smetana)

Resonanz bei internationalen Partnern

Die Einschätzungen der kubanischen Kirchen finden international Gehör. Organisationen wie Brot für die Welt, das Berliner Missionswerk und das GAW bestätigen die prekäre Lage in ihren Berichten. Sie betonen, dass die Kombination aus wirtschaftlicher Not und eingeschränkter Energie- sowie Treibstoffversorgung vor allem die schwächsten Teile der Bevölkerung trifft.

Insgesamt zeigt sich ein bemerkenswerter Wandel: Angesichts der aktuellen Zuspitzung treten die Kirchen zunehmend als gesellschaftliche Stimmen auf. Die Spannweite ihrer Wortmeldungen reicht von vorsichtiger Kritik und Dialogforderungen bis hin zu klaren Hinweisen auf strukturelle Fehlentwicklungen und notwendige Veränderungen. Die Kirchen formulieren ihre Positionen dabei nicht in parteipolitischen Kategorien, sondern stellen die Würde des Menschen und den sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt. Die Stellungnahmen aus Kuba sind mehr als eine bloße Krisenanalyse – sie sind Ausdruck eines intensiven Ringens um das Gemeinwohl in einem Land, das immer tiefer in eine Krise gerät. Gerade deshalb finden ihre Stellungnahmen sowohl innerhalb Kubas als auch bei internationalen Partnerkirchen besondere Aufmerksamkeit.

Für ökumenische Akteure in Europa und Nordamerika stellt sich damit die dringende Frage, wie diese Stimmen wirksam unterstützt werden können und was sie dazu beitragen können, dass sich die weltpolitische Lage im Blick auf Kuba nicht weiter verschärft.

Presbyterianische Kirche (Foto: M. Smetana)

Das GAW fördert aktuell die Installation von Solaranlage auf Kirchendächern: Sonnenenergie für Kubas Kirchen