Strassenszene aus Havanna
(Foto: M. Smetana)

Die aktuelle Lage in Kuba hat sich weiter verschlechtert. Die sich verschärfende Energie- und Treibstoffkrise bringt zentrale Versorgungsstrukturen zunehmend an ihre Grenzen. In mehreren Regionen kommt es zu massiven Einschränkungen. Die Lebensmittelversorgung kommt an ihre Grenzen, die Müllabfuhr arbeitet eingeschränkt. „Das Volk kann die große Hitze und die vielen anderen Dinge, wie etwa dass es keine Möglichkeit gibt, Lebensmittel zu konservieren und zu kühlen, nicht mehr ertragen . Immer wieder kommt es zu kleinen Protesten,“ schreibt ein Pfarrkollege aus Kuba. Auch die medizinische Versorgung im Land wird immer schlechter. Besonders in urbanen Zentren wächst die Sorge vor einem teilweisen Zusammenbruch der alltäglichen Versorgung. Vor diesem Hintergrund haben auch die Kirchen ihre bislang überwiegend zurückhaltende Sprache spürbar verschärft.

Während die wirtschaftliche und soziale Krise des Landes seit Jahren andauert, verschärft sich die Situation durch die US-Regierung. Durch weitere umfassende Sanktionen gegen die Energie-, Finanz- und Staatssektoren sowie auf sogenannte Sekundärsanktionen gegen Drittstaaten, die mit Havanna Geschäfte machen, wird das Leben auf der Insel dramatisch erschwert.. Ziel ist es, den wirtschaftlichen Druck auf die kubanische Führung massiv zu erhöhen mit spürbaren Folgen bis hin zu Energieengpässen. Die Menschen sind erschöpft und die humanitäre Lage wird für die meisten Menschen schlimmer.

Bezogen darauf äußerte sich die katholische Bischofskonferenz Kubas Anfang 2026. In einer vielbeachteten Botschaft an die Bevölkerung beschrieben die Bischöfe die wachsende Hoffnungslosigkeit vieler Menschen angesichts von Stromausfällen, Versorgungsengpässen, Armut und anhaltender Auswanderung. Sie warnten vor der Gefahr eines sozialen Zerfalls und stellten fest, dass viele Kubaner den Eindruck hätten, dass es „so nicht weitergehen kann“. Die Bischöfe forderten einen nationalen Dialog, strukturelle Veränderungen und politische Entscheidungen, die dem Gemeinwohl dienen. Für kubanische Verhältnisse markiert dies eine ungewöhnlich klare Diagnose der Lage.

Bereits im Jahr zuvor hatten die katholischen Bischöfe in einem Schreiben zum Heiligen Jahr auf wachsende soziale Spannungen und die wirtschaftliche Not hingewiesen. Die Erklärung von 2026 macht jedoch deutlich, dass sich die Situation aus Sicht der Kirche weiter verschärft hat. Die Unterstützung dieses Appells durch Papst Leo XIV. verlieh den Äußerungen zusätzliches internationales Gewicht.

Noch weiter in der Analyse der strukturellen Ursachen ging die Iglesia Presbiteriana-Reformada en Cuba. In einem Pfingstwort von 2025 beschrieb sie die Krise als Ergebnis einer Überlagerung wirtschaftlicher, sozialer und institutioneller Probleme. Die Kirche stellte dabei ausdrücklich die Frage, ob die bisherigen politischen Antworten des Staates noch geeignet seien, einen Ausweg aus der Krise zu eröffnen. Sie rief dazu auf, Resignation zu überwinden und aktives gesellschaftliches Engagement für Veränderungen zu fördern. Beobachter werteten dies als eine der deutlichsten kirchlichen Stellungnahmen einer offiziell anerkannten protestantischen Kirche in Kuba seit vielen Jahren. Allerdings verhält sich die Kirche ansonsten ruhig, um ihr sozial-diakonisches Engagement nicht zu gefährden.

Strassenbild (Foto: M. Smetana)

Auch bei konkreten sozialen Konflikten bezogen kirchliche Vertreter Position. So unterstützten presbyterianische Stimmen Proteste gegen drastische Erhöhungen der Telekommunikationsgebühren und warnten vor den sozialen Folgen einer weiteren Vertiefung der Ungleichheit.

Andere protestantische Kirchen wählen zurückhaltendere Formen der Intervention. Die methodistische Kirche benennt die Auswirkungen der Energie- und Versorgungskrise zwar offen, legt ihren Schwerpunkt jedoch weiterhin auf seelsorgerliche Begleitung und praktische Hilfe. Ähnlich agieren die verschiedenen baptistischen Kirchen, die vor allem durch soziale und humanitäre Projekte in Erscheinung treten.

Eine besondere Rolle kommt dem Consejo de Iglesias de Cuba (CIC) zu, dem zahlreiche protestantische und orthodoxe Kirchen angehören. Der ökumenische Rat konzentriert sich vor allem auf die humanitären Folgen der Krise. In Erklärungen und internationalen Partnerschaften werden Stromausfälle, Medikamentenmangel, die prekäre Wasserversorgung und die schwierige Lage vieler Familien thematisiert. Politische Forderungen treten dabei deutlich hinter den Appell zu Solidarität, humanitärer Unterstützung und internationaler Zusammenarbeit zurück.

Die Einschätzungen der kubanischen Kirchen finden zunehmend Resonanz bei internationalen kirchlichen Partnern. Auch Brot für die Welt, das berliner Missionswerk und das GAW weisen in Gesprächen mit Partnerorganisationen und Kirchen auf die sich verschärfende humanitäre Lage hin. Dabei wird betont, dass die Kombination aus wirtschaftlicher Krise, eingeschränkter Energieversorgung und Treibstoffmangel vor allem die Bevölkerung trifft und zentrale Lebensbereiche wie Ernährung, Mobilität und Gesundheitsversorgung zunehmend beeinträchtigt. Internationale kirchliche Akteure bestätigen damit in weiten Teilen die Problembeschreibungen der Kirchen innerhalb Kubas.

Presbyterianische Kirche (Foto: M. Smetana)

Insgesamt zeigt sich ein bemerkenswerter Wandel. Während die Kirchen Kubas lange Zeit vor allem als religiöse und soziale Akteure wahrgenommen wurden, treten sie angesichts der gegenwärtigen Zuspitzung zunehmend auch als gesellschaftliche Stimmen auf. Die Spannweite reicht von vorsichtiger Kritik und Dialogforderungen bis hin zu klaren Hinweisen auf strukturelle Fehlentwicklungen und notwendige Veränderungen.

Dabei formulieren die Kirchen ihre Positionen nicht in parteipolitischen Kategorien. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Würde des Menschen, die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die humanitären Folgen der Krise. Gerade deshalb finden ihre Stellungnahmen sowohl innerhalb Kubas als auch bei internationalen Partnerkirchen besondere Aufmerksamkeit.

Für ökumenische Akteure in Europa und Nordamerika stellt sich damit zunehmend die Frage, wie diese Stimmen aufgenommen und unterstützt werden können. Die kirchlichen Stellungnahmen aus Kuba sind dabei mehr als bloße Kommentierungen einer Krise. Sie sind Ausdruck einer wachsenden Sorge um das gesellschaftliche Gemeinwohl eines Landes, dessen wirtschaftliche und humanitäre Lage sich im Laufe des Jahres 2026 erneut deutlich zugespitzt hat. Dabei stehen die internationalen Partner der kubanischen Kirchen auch vor der Frage, was sie selbst im Interesse ihrer Partner dazu beitragen können, dass sich die weltpolitische Lage im Blick auf Kuba nicht weiter verschärft.

Das GAW fördert aktuell die Installation von Solaranlage auf Kirchendächern: https://www.gustav-adolf-werk.de/konfigabe.html