
Aijnura Ormonova (Foto: Haaks)
Als Ainura Ormonova heute auf die vergangenen 15 Jahre blickt, kann sie es selbst kaum glauben, was aus den kleinen Anfängen entstanden ist. Im Herbst 2026 will die NGO „Unsere Stimme“ ihr Jubiläum feiern. Für die Leiterin der Organisation ist die Entwicklung des Projektes vor allem eines: ein Zeichen der Hoffnung für Kirgisistan.
Die Anfänge reichen zurück ins Jahr 2010, die offizielle Registrierung erfolgte 2011. Ausgangspunkt war eine bedrückende Realität: Jugendliche mussten mit 16 oder 18 Jahren die staatlichen Waisenhäuser verlassen – ohne Familie, ohne Ausbildung und oft ohne jede Perspektive. Internationale Untersuchungen zeigten damals, wie viele dieser jungen Menschen in Obdachlosigkeit, Gewalt oder Ausbeutung gerieten. Besonders junge Frauen waren gefährdet.
Ainura Ormonova hatte zuvor selbst ein Waisenheim geleitet und wusste, wie schwierig der Übergang ins eigenständige Leben war. „Nach dem Heim gab es praktisch keine Begleitung mehr“, erinnert sie sich. Die entscheidende Begegnung geschah in einer Zeit gesellschaftlicher Spannungen und ethnischer Konflikte im Süden Kirgisistans im Jahr 2010. Über gemeinsame Kontakte lernte sie den lutherischen Bischof Alfred Eichholz kennen. Aus dieser Begegnung entstand eine Zusammenarbeit, die das Leben vieler junger Menschen verändern sollte.

Die ersten Schritte waren bescheiden. In einem Keller entstanden kleine Ausbildungsräume. Dort lernten Jugendliche Berufe wie Friseurin oder Näherin, sie bekamen Unterstützung im Alltag und fanden erstmals Menschen, die ihnen langfristig Perspektiven eröffneten. Unterstützt wurde die Arbeit von Anfang an durch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kirgisistan sowie internationale Partner wie das GAW. Die GAW-Frauenarbeit hat im Jahresprojekt 2027 das Projekt unterstützt.
„Unsere Stimme“ entwickelte sich schnell weiter. In den vergangenen Jahren lebten viele Mädchen und 45 Jungen zeitweise in den Sozialhäusern des Projektes. Ein Jahr lang wurden sie dort auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Die Mitarbeitenden halfen bei Ausbildungsplätzen, Arbeitssuche und Wohnungssuche. Heute arbeiten ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner als Ärztinnen, Stewardessen oder in staatlichen Einrichtungen. Andere engagieren sich selbst sozial oder kirchlich.
Irgendwann war deutlich, dass sich das Projekt weiterentwicklen muss. 2025 wurde das Projekt mit den Sozailhäusern beendet. Bis dahin wurden über diese stationäre Unterbringung 600 Jugendlichen der Weg ins Leben ermöglicht.
Wichtig wurde nun ein weitere Schritt. Die POlitik musste gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen, damit diese junge Menschen im Staat eine Perspektive bekommen. So engageirte Aijnura parallel schon, um bei politischne Vertretern Bewußtsein für die Problematik, die die gesamte Gesellschaft betrifft zu schaffen.
„Unsere Stimme“ setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ehemalige Heimkinder Zugang zu Ausweisdokumenten, Gesundheitsversorgung und staatlichen Unterstützungsleistungen erhalten. Früher waren viele Jugendliche nach dem Verlassen der Heime für Behörden praktisch unsichtbar. Inzwischen wurden gesetzliche Regelungen geschaffen, die ihre Rechte deutlich stärken. Heute erhalten ehemalige Heimkinder unter anderem besseren Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten und staatlicher Unterstützung für den Start in ein eigenständiges Leben.
Durch gesetzliche Veränderungen und landesweite Beratungsarbeit profitierten inzwischen jedoch weit mehr junge Menschen in ganz Kirgisistan. Ca. 25.000 jungen Menschen konnte geholfen werden.
So arbeitet „Unsere Stimme“ seit einigen Jahren zunehmend auf gesellschaftlicher Ebene. Die ursprünglichen Sozialhäuser spielen heute keine Rolle in der Struktur. Stattdessen engagiert sich „Unsere Stimme“ verstärkt in der Beratung von anderen Sozialhäusern, Fortbildung und öffentlicher Aufklärung. Ein wichtiges Thema ist inzwischen auch die Gewalt gegen Frauen. „Man muss dabei auch mit Männern arbeiten“, sagt Ormonova.
Zugleich beobachtet sie, wie sich die kirgisische Gesellschaft verändert. Religiöse Einflüsse aus dem Ausland hätten in den vergangenen Jahren zugenommen und stellten viele Gemeinden vor neue Herausforderungen. Umso wichtiger sei der Dialog zwischen christlichen Kirchen und muslimischen Gemeinschaften. „Religiöse Autoritäten haben großen Einfluss auf die Gesellschaft“, sagt Ormonova. Deshalb sucht die NGO bewusst die Zusammenarbeit mit muslimischen Geistlichen. Erste gemeinsame Gespräche mit Mullahs habe es bereits gegeben.
Die Arbeit vieler NGOs und kirchlicher Organisationen ist in den vergangenen Jahren in Kirgisistan schwieriger geworden. Es gibt im Vergleich zur Anfangszeit des Projektes neue Herausforderungen. Dennoch möchte Aijnura Ormonova den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Sie sieht ihre Aufgabe bewusst in der zivilgesellschaftlichen Arbeit. Die Lutherische Kirche hat vor einigen Jahren das diskonische Projekt „Unserer Stimme“ in die Eigenständigkeit entlassen. Gemeinsam haben Aijnura Ormonova und Alfred Eichholz wichtige Impulse für gesellschaftliche Veränderungen gegeben.
Mit großer Dankbarkeit spricht Aijnura von der Unterstützung der lutherischen Kirche und Bischof Eichholz. „Es war ein Segen, dass Menschen an mich geglaubt haben“, sagt sie. Besonders wichtig seien für sie immer auch die geistlichen Impulse und die Gebete gewesen.
„Wir glauben an die Kraft des Gebets“, sagt Ainura Ormonova. „Ohne diese Gebete gäbe es unsere Geschichte von 15 Jahren nicht.“
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