Bischof Eichholz (2.v.links) und Jewgeni (links) im Gespräch (Foto: H. Rühl)

„Es tut mir leid, dass ich euch in dieses Hostel gebracht habe“, entschuldigt sich Bischof Eichholz, nachdem wir nach einem schönen Gottesdienst im lutherischen Bethaus in Ananjewo nahe des Issyk-Kul schließlich unsere Unterkunft erreichten. Er schien sichtlich enttäuscht. Er wollte der GAW-Delegation „etwas Schöneres“ bieten.

Klar, die Unterkunft war einfach. Vieles wartet darauf, dass es „schöner“ wird. Aber schön war dann die Begegnung mit Jewgeni, dem Besitzer des Hostels. Vor drei Jahren kaufte er es, nachdem er mit seiner Familie seine Heimat Jakutien in Russland verlassen hatte.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Kirgisistan für viele Menschen zu einem Zufluchtsort geworden. Hunderttausende reisten seit 2022 in das zentralasiatische Land ein. Manche blieben nur kurz, andere versuchten, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Hinter den Zahlen stehen persönliche Geschichten – Geschichten von Verlust, Unsicherheit und der Sehnsucht nach Frieden.

Eine davon ist die Geschichte von Jewgeni. Er stammt aus Jakutien im fernen Osten Russlands. Der Krieg hat auch seine Familie getroffen. Zahlreiche Verwandte haben sich freiwillig gemeldet. Nur wenige sind wiedergekommen. Das ist ein Grund, warum man unter ausgewanderten Jakuten nicht selten Menschen erlebt, die dem Krieg kritisch gegenüberstehen oder Russland verlassen haben, um nicht eingezogen zu werden.

Als Jewgeni hört, dass wir Gegner des Krieges sind, reagiert er erleichtert und offen. Er hatte schon Gäste in seinem Haus, die klar auf der Seite Putins standen. Verstehen kann er das nicht.

Seit drei Jahren lebt Jewgeni in Kirgisistan. Am Issyk-Kul-See hat er das kleines Hostel gekauft, etwa 500 Meter vom Ufer entfernt. Es liegt ruhig, schlicht und etwas abgelegen. Es ist Ort, der eher von Stille als von touristischem Glanz geprägt ist. Das Gebäude muss renoviert werden, vieles ist improvisiert. Aber genau hier versucht er, neu anzufangen und sich Schritt für Schritt eine Existenz aufzubauen.

Der nun schon seit mehr als vier Jahren tobende Krieg hat das Leben vieler Menschen über Grenzen hinweg verändert und betrifft viele mittelbar oder unmittelbar. Bischof Eichholz berichtet dann noch von einem jungen Mann aus seiner Gemeinde in Winogradnoje, der jetzt in Bischkek dank der Ausbildungshilfe der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck studiert. Ohne dieses Stipendium wäre er sehr wahrscheinlich zu seinem Bruder nach Omsk in Russland gegangen, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. In Kirgisistan war das schwierig und kaum bezahlbar gewesen. Nur – was hätte das für ihn bedeutet? Wann wäre er, der als Russe aus Kirgisistan kommt, eingezogen worden und hätte an die mörderische Front gemusst? Dank des Einsatzes von Bischof Eichholz ist er geblieben und will sich zudem zum Prediger seiner lutherischen Kirche ausbilden lassen.

Wie wichtig es ist, dass es Menschen wie Jewgeni aus Jakutien gibt, die dem Krieg kritisch gegenüberstehen. Wie wichtig es ist, Menschen so zu helfen, dass sie gar nicht erst in die Mühlen des Krieges geraten, wie Bischof Eichholz es tut.

Die Begegnung am Issyk-Kul war schön – genauso wie das Hostel durch Jewgeni einfach, aber schön geworden ist.