Bischof Eichholz in seinem Bethaus
8Foto: Haaks)

„1960 bin ich hier in meinem Heimatort getauft worden. Damals musste das noch heimlich geschehen. Und hier in diesem Bethaus,“ sagt Bischof Eichholz sichtlich bewegt, „bin ich konfirmiert worden. Damals waren 80-90 % der Bewohner und Bewohnerinnen meines Dorfes Winogradnoje Russlanddeutsche.“ Das hat sich völlig verändert.

Heute ist Alfred Eichholz zusätzlich zu seinem Bischofsamt auch Gemeindepfarrer in seinem Heimatort. Er weiß, wo welche Familien damlas in welchem Haus gewohnt haben. Heute ist es anders. Heute bewohnen mehrheitlich Kirgisen diesen Ort.

Das Bethaus selbst in Vinogradnoje wurde 1970 offiziell registriert und prägt bis heute das Leben einer kleinen lutherischen Gemeinde. Etwa 50 Menschen besuchen aktuell den Gottesdienst, insgesamt fühlen sich bis zu 100 Menschen der Gemeinde verbunden.

Die Wurzeln der Gemeinde reichen in die 1930er Jahre zurück. Während der sog. „stalinistischen Entkulakisierung“ wurden lutherische Familien deportiert. Ihr Glaube lebte aber lange im Untergrund weiter. Erst Ende der 1960er Jahre ermöglichte ein neues Gesetz die Registrierung religiöser Gemeinden. In Vinogradnoje kaufte die Gemeinde ein Wohnhaus und richtete dort ein Bethaus ein.

Mit Glasnost und der Perestrojka wanderten dann schon etliche aus. So auch Familie Eichholz im Jahr 1988. Sie zogen nach Deutschland.

In den 1990er Jahren gab es dann eine massenhafte Auswanderung. Das führte zu einem starken Rückgang der Mitglieder. Alfred Eichholz kam 1999 auf Besuch zurück. Der damalige Propst in Kirgistan überredete ihn zum Theologiestudium und dazu, die Jugendarbeit der lutherischen Kirche in Kirgistan zu übernehmen.

Alte russlanddeutsche Gräber
(Foto: Haaks)

Es war eine Fügung, denn mit Alfred Eichholz begann ein Aufbruch. Erste Gottesdienste füllten das Haus wieder. Er konzentrierte sich auf die Jugendarbeit. 2003 gab es bereits 62 Konfirmanden, zeitweise versammelten sich bis zu 300 Menschen. 2004 wurde das Gebäude umfassend renoviert.

Die lutherische Gemeinde ist im Dorf mit einer muslimischer Mehrheit anerkannt. Sie verfügt über eine aktive Kinder- und Jugendarbeit mit ca. 15 Jugendlichen. Gleichzeitig steht sie vor baulichen Herausforderungen: Das über 50 Jahre alte Bethaus ist dringend sanierungsbedürftig, insbesondere das Dach und der Kinder- und Jugendraum. Vieles geschieht in Eigenleistung, doch für Material fehlt oft die Finanzierung.

Das GAW hat mit dem Projektkatalog 2025 mit einer Förderung von 5.000 Euro die Gemeinde bei der dringend notwendigen Sanierung des Bethauses unterstützt.

Mit Dankbarkeit schaut Bischof Eichholz auf die Geschichte der Gemeinde zurück. Das wird besonders deutlich beim Besuch auf dem russlanddeutschen Friedhof des Dorfes. Gleichzeitig bleibt eine Sorge, die ihn umtreibt. Wie wird es weitergehen in einem Land, das mehrheitlich eine andere Religion bevorzugt?

Die lutherische Kirche in Kirgistan ist staatlich registriert. Sie musste auf Grund ihrer Geschichte und ihrer langen Zugehörigkeit zum Land sich vergleichsweise der orthodoxen Kirche registrieren lassen. D.h. „wer dazukommt, gehört dazu“. Bis jetzt hängt die Registrierung nicht an Zahlen. Jedoch spürt man, dass es nicht einfacher wird. Der Staat will mehr Kontrolle haben.

Das seit 2025 geltende Religionsgesetz erlaubt religiöse Arbeit nur registrierten Gemeinden. Zuständig ist die staatliche Religionsbehörde, die Satzungen und Strukturen prüft. Zwar garantiert die Verfassung Religionsfreiheit, in der Praxis bleibt kirchliches Leben jedoch stark reguliert. Ohne Registrierung sind Gottesdienste, Personal oder Gemeindearbeit eingeschränkt. Für Vinogradnoje bedeutet das: Die Gemeinde kann sichtbar wirken, bleibt aber in einem rechtlich kontrollierten Rahmen.