
Im kirgisischen Dorf Vasilyevka/Wassiljewka, etwa 40 Kilometer von Bischkek entfernt, begann im Jahr 2012 ein bemerkenswertes diakonisches Projekt der lutherischen Kirche für Kinder mit Behinderung. Aus Deutschland erhielt Bischof Alfred Eichholz damals die Bitte, ein konkretes Vorhaben zu unterstützen; ein aus der Region stammendes Ehepaar wollte der Heimat etwas zurückgeben. Bischof Eichholz seinerseits hatte sich bereits seit längerer Zeit Gedanken darüber gemacht, dass es für Kinder mit Behinderungen in Kirgisistan kaum Unterstützung gab. Oft wurden sie versteckt und lebten am Rand der Gesellschaft. Auf die Frage nach der Motivation antwortete er: „Aus christlicher Nächstenliebe, denn jedes Geschöpf Gottes hat eine Würde und ist auf Liebe angewiesen. Niemand ist in Gottes Augen wertlos.“
Mitarbeitende des Projekts suchten betroffene Familien auf, bauten Vertrauen auf und boten zunächst medizinische Hilfe an. In einem mehrheitlich muslimischen Umfeld war dies keine Selbstverständlichkeit. Hinter der Initiative stand keine missionarische Absicht; eine solche wäre gesetzlich ohnehin nicht möglich. In Vasilyevka, einem Ort mit rund 15.000 Einwohnern und zehn Moscheen, werden christliche Initiativen genau beobachtet. Sponsoren im lokalen Umfeld zu gewinnen ist schwierig, da Unterstützung oft an religiöse Erwartungen gebunden ist. Gerade deshalb ist das Projekt von Bedeutung: Es zielt nicht auf Konversion ab, zeigt aber, was christliches Zeugnis im muslimischen Kontext bewirken kann.

Heute werden in dem Zentrum 25 Kinder betreut, die meisten von ihnen stammen aus muslimischen Familien. Staatliche Hilfe erfolgt ausschließlich durch die Lehrerinnen einer staatlichen Schule, die ins Bildungszentrum entsandt werden, um die Kinder dort in Gruppen von maximal drei Personen zu fördern. Einigen Kindern gelingt später der Wechsel in Regelschulen.
Besonders eindrücklich sind die Lebenswege ehemaliger Schülerinnen. Leilo etwa wurde mit einer schweren körperlichen Beeinträchtigung geboren. Durch Operationen, die mithilfe des Projekts ermöglicht wurden, gewann sie neue Perspektiven. Heute arbeitet sie selbst als Lehrerin und möchte die Erfahrung weitergeben, dass christliche Hilfe Menschen aufrichtet. Ein weiteres Beispiel ist Seischan: Nach einem schweren Unfall lag sie wochenlang im Koma und konnte nicht in ihre alte Schule zurückkehren. Im Förderzentrum fand sie einen Neuanfang, schloss die Schule ab, studiert inzwischen Pädagogik in Bischkek und arbeitet in einem Kindergarten. Ihr Wunsch ist es, die erfahrene Geduld an andere Kinder weiterzugeben.
Inzwischen ist die Kapazitätsgrenze erreicht. Um die Arbeit langfristig zu sichern, wird über Elternbeiträge nachgedacht. Dies ist jedoch ein sensibler Schritt in einer Umgebung, in der Hilfe oft als kostenlos vorausgesetzt wird und schnell missverstanden werden kann. Zudem leben viele Familien am Existenzminimum. Bischof Eichholz betont die Relevanz dieses Ortes: „Hier ist ein Raum entstanden, in dem Kinder mit Behinderungen nicht versteckt werden. Sie haben einen Platz im Leben gefunden – und ihre Familien oft zum ersten Mal Hoffnung. Es ist mir ein Anliegen, dass dieses Projekt noch lange Bestand hat.“ Diese Aufgabe kann Bischof Eichholz mit seiner Kirche jedoch nicht allein bewältigen.
Das GAW unterstützt dieses Projekt in diesem Jahr mit 5 000 €: https://www.gustav-adolf-werk.de/projekt-detail/kirgisistan-foerderschule-fuer-kinder-und-jugendliche-mit-behinderung-in-wassiljewka.html
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