Eine 700 Jahre alte Gemeinde in Estland wächst – und öffnet ihr Haus für Menschen in Not

Die Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinde Risti im Norden Estlands reicht fast 700 Jahre zurück. Um 1300 errichteten Zisterziensermönche des Klosters Padise hier eine erste Kapelle. Die mittelalterliche Kirche beeindruckt bis heute mit ihrem Langhausgewölbe, das sich strahlenförmig über einer einzigen zentralen Säule entfaltet. Im 17. Jahrhundert wirkte hier der Theologe Heinrich Göseken, der sich intensiv mit der estnischen Sprache beschäftigte. 1870 wurde Risti eine selbstständige Gemeinde.
Es folgten schwierige Jahrzehnte. Während der sowjetischen Besatzung wurden kirchliche Gebäude enteignet und zweckentfremdet. Das Konfirmandenhaus diente zeitweise sogar als Hühnerstall. Erst mit der Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit 1991 konnte die Gemeinde wieder neue Wege gehen. Die Kirchenbücher waren verloren gegangen – auch deshalb lässt sich heute kaum noch genau sagen, wer zur Gemeinde gehört.
Heute ist Risti ein erstaunlicher Gegenentwurf zur ländlichen Schrumpfung. Der Pfarrbezirk umfasst 18 Dörfer rund um Harju-Risti. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Menschen, die die Gemeinde regelmäßig finanziell unterstützen, mehr als vervierfacht. 2025 waren es 425. Mehr als 1000 Menschen sind im Laufe der Geschichte in Risti getauft worden.
„21 Jahre lang waren wir weniger als 100“, erzählt Pastorin Annika Laats. Heute gehört Risti zu den größeren Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Estland. Die Gemeinde kann ihre Pastorin selbst bezahlen.
Seit 2005 steht Laats an der Spitze der Gemeinde. Bevor sie Theologie studierte, arbeitete sie als Krankenschwester. Heute ist sie zusätzlich als Seelsorgerin am Tallinner Kinderkrankenhaus tätig. Ihre Vorstellung von Kirche ist eng mit der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden. Ihr Leitwort und das der Gemeinde: „Kõik on teretulnud!“ – „Alle sind willkommen!“
„Und ich meine wirklich alle: die Zuflucht brauchen, die am Rande der Gesellschaft sind, die Hilfe brauchen“, sagt Laats. Damit ist sie eine Pastorin, die auffällt. Auch deshalb nehmen Menschen weitere Wege zur Kirche in Kauf.
Die Gemeinde bietet Gottesdienste, Bibelkreise sowie Kinder- und Jugendarbeit an. Zu Weihnachten gibt es eine „Pfefferkuchennacht“, mit der auch kirchenferne Familien angesprochen werden. Ein besonderer Schwerpunkt ist der Konfirmandenunterricht für Erwachsene. Manche kommen mit erstaunlich wenig Vorwissen. Die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis oder grundlegende biblische Geschichten müssen manchmal erst neu entdeckt werden.
Laats gibt den Menschen Zeit. Nicht jede Frage muss sofort beantwortet werden. Vor der Konfirmation steht ein persönliches Gespräch. Manche bleiben danach in der Gemeinde, andere gehen wieder ihren eigenen Weg. Vielleicht ist diese offene Haltung ein Grund dafür, dass Risti wächst.
Ein Haus wird zum Zufluchtsort

Besonders sichtbar wird die Haltung der Gemeinde im „Pelgupaik“ – dem Zufluchtsort.
2014 kaufte die Gemeinde ein 1930 errichtetes ehemaliges Schulhaus. Aus dem leer stehenden Gebäude entstand seither Schritt für Schritt ein Diakonie- und Krisenzentrum. Im „Zimmer des Freundes“ werden gebrauchte Kleidung und Möbel gegen Spenden weitergegeben. Ein Tageszentrum bietet älteren Menschen Gemeinschaft. Wohnungen und Notunterkünfte stehen Menschen zur Verfügung, die in schwierigen Situationen Hilfe brauchen.
Dabei geht es nicht nur um soziale Angebote. Risti will für Krisen gerüstet sein. Wärme, Wasser und Strom werden hier zu ganz konkreten Fragen: Was braucht ein Ort, damit Menschen dort tatsächlich Zuflucht finden können?
Ein Brunnen, Holzvorräte und funktionierende Öfen gehören deshalb zur Vorsorge. Bei einem Stromausfall oder im harten estnischen Winter könnte das Gebäude Menschen aufnehmen, die auf ihren abgelegenen Höfen nicht mehr ausreichend versorgt werden können. Die Gemeinde arbeitet dabei eng mit der Kommune und deren Sozialarbeit zusammen.
Flüchtlinge willkommen heißen
Zur besonderen Geschichte des Hauses gehört die Flüchtlingshilfe. 2016 nahm die Gemeinde eine syrische Familie auf. Das führte zunächst auch zu Ressentiments. Zugleich veränderte die Begegnung mit den „Fremden“ bei manchen Menschen die eigene Haltung.
Nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine kamen 2022 zahlreiche ukrainische Geflüchtete nach Risti. Auch diesmal gab es Widerstand gegen die Einrichtung von Flüchtlingswohnungen. Annika Laats suchte das Gespräch. Sie erinnerte daran, dass Hilfe für Menschen auf der Flucht keine abstrakte politische Frage ist. Ihre eigene Großmutter war 1944 als Kriegsflüchtling auf die Barmherzigkeit anderer Menschen angewiesen.
Inzwischen sind viele der ukrainischen Geflüchteten weitergezogen – dorthin, wo sie Arbeit und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum gefunden haben. Einige Wohnungen des Zentrums stehen deshalb heute wieder frei.
Für Laats stellt sich damit die nächste Frage: Was wird aus diesem Ort? Auf jeden Fall soll der „Pelgupaik“ ein Zufluchtsort bleiben.
Kirche, die sich einmischt

Dazu gehört für Laats auch, gesellschaftliche Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen. In den vergangenen Jahren gab es innerhalb der EELK Auseinandersetzungen über Fragen menschlicher Sexualität und den Umgang mit queeren Menschen. Laats hat dabei immer wieder deutlich gemacht: Wenn Menschen ausgegrenzt werden, muss Kirche sprechen.
In Estland sind konservative Kräfte stärker geworden. Auch deshalb versteht sie die Gemeinde nicht als Rückzugsraum vor der Gesellschaft. Kirche soll mitten in der Gesellschaft präsent sein – gerade dort, wo Menschen Unterstützung brauchen.
In jedem Sonntagsgottesdienst beginnt die Gemeinde mit einem Gebet für den Frieden in der Ukraine. Es gibt einen besonderen Ort für die Trauer um totgeborene Kinder. Im Gemeindehaus treffen sich Menschen zum Kirchenkaffee, zum Bibelkreis oder zum Konfirmandenunterricht.
So entsteht Gemeinschaft nicht nur durch den Gottesdienst, sondern durch viele persönliche Beziehungen. Für Laats ist das entscheidend. Sie ist die einzige bezahlte Kraft der Gemeinde. Vieles hängt deshalb vom ehrenamtlichen Engagement ab.
Das GAW: Unterstützung, die Gemeinde ermöglicht
Das Gustav-Adolf-Werk begleitet die Gemeinde auf diesem Weg seit Jahrzehnten. Bereits seit 1996 hat das GAW die Renovierung des Gemeindehauses unterstützt und damit die Entwicklung der Gemeinde gestärkt.
2024 förderte das GAW mit 8.000 Euro die Sanierung des Diakoniezentrums. 2025 konnten unter anderem ein neues Dach und neue Schornsteine fertiggestellt werden.
Damit wird sichtbar, was Unterstützung für eine Diasporagemeinde bedeuten kann. Es geht nicht allein darum, ein altes Gebäude zu erhalten. Es geht darum, dass eine Gemeinde ihren Auftrag wahrnehmen kann: Gottesdienste feiern, Menschen begleiten, Kinder und Erwachsene im Glauben unterrichten und in Krisen für andere da sein.
Risti zeigt, dass Diasporakirche nicht zuerst eine Frage von Größe und Stärke ist. Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und ihr Haus öffnen.
Eine Gemeinde mit einer Geschichte von fast 700 Jahren hat Zeiten erlebt, in denen kaum jemand noch an ihre Zukunft glaubte. Heute wächst sie. Nicht weil die Zeiten einfacher geworden wären. Sondern weil sie sich auf die Menschen einlässt, die vor ihrer Tür stehen.
So erzählt das alte Schulhaus eine Geschichte, die weit über seine Mauern hinausweist. Wo einst Kinder lernten, ist ein Ort entstanden, an dem Menschen in schwierigen Zeiten ein Dach über dem Kopf, Gemeinschaft und Unterstützung finden.
Eine 700 Jahre alte Gemeinde zeigt damit, dass kirchliches Leben auch auf dem Land Zukunft haben kann: nicht indem sie sich abschottet, sondern indem sie ihr Haus öffnet.
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