
(Foto: Haaks)
„Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.“ Der Satz fällt im Gespräch über die evangelisch-lutherische Maria Magdalena Gemeinde Mustamäe in Tallinn mehr als einmal. Er klingt nicht resigniert. Eher nach einer nüchternen Einschätzung der Situation. Denn die kleine Gemeinde hat viel aufgebaut und steht nun vor einer neuen, schwierigen Phase. Von den 150 zur Gemeinde gehörenden Menschen zahlen ca. 40 einen Gemeindebeitrag. Das reicht für die vielfältigen Aufgaben kaum aus.
Mustamäe ist ein großer Stadtteil im Westen Tallinns. Rund 60.000 Menschen leben hier zwischen Hochhäusern, Einkaufszentren, Schulen und breiten Straßen. Kirchlich ist die Gegend dünn besiedelt. Andere Kirchengebäude gibt es nicht. Genau hier wollte die EELK eine neue Gemeinde aufbauen mit Unterstützung einer Norwegischen Missionsgesellschaft (NMS).
2008 traf sich zunächst die erste Gruppe in privaten Räumen. Zunächst an unterschiedlichen Orten. Zwei Jahre später konnte die junge Gemeinde einen Raum im Keller anmieten. Zehn Jahre lang war dieser Keller ihr Zuhause. Unterstützt wurde der Gemeindeaufbau von der Norwegischen Missionsgesellschaft (NMS). Norwegische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halfen dabei, eine Gemeinde zu „pflanzen“ mit Gottesdiensten, Kinder- und Jugendarbeit und neuen Formen des Gemeindelebens.
Aus dem kleinen Anfang ist inzwischen ein eigenes Gemeindezentrum geworden. Die Stadt Tallinn hat dabei sehr unterstützt. Das Gebäude wurde bewusst multifunktional geplant. Es sollte nicht nur eine Kirche sein, sondern ein Ort für den ganzen Stadtteil: für Gottesdienste und Andachten, für soziale Arbeit, Kinder und Jugendliche, Bibelgruppen, Konzerte und Begegnungen.
Heute gibt es neben dem Sonntagsgottesdienst mehrere Andachten in der Woche, eine Seniorengruppe, eine Mädchengruppe, ein Konfirmationskurs und einen Bibelkurs. Von September bis Mai finden Konzerte statt. Die Räume werden außerdem von anderen christlichen Gemeinden genutzt. Das Haus ist damit auch ein ökumenischer Ort geworden. Lutherische, methodistische, katholische und andere christliche Gruppen begegnen sich hier. 2025 lud die Mustamäe-Gemeinde gemeinsam mit anderen christlichen Gemeinden sogar zu einem gemeinsamen Kirchentag ein.

Doch mitten in dieser lebendigen Arbeit wird auch deutlich, wie schwierig Gemeindegründung in einem säkularen Umfeld ist. „Die Menschen denken nicht an Gott“, heißt es im Gespräch. Zwar kommen jeden Sonntag immer mal wieder neue Menschen. Aber viele bleiben nicht. Die Gemeinde wächst deshalb trotz neuer Kontakte kaum. Auch die Zusammenarbeit mit Schulen ist mühsam. Es braucht Geduld, Beziehungen und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Mustamäe ist zudem kein wohlhabender Stadtteil. Ältere Menschen, Studierende und Menschen mit geringerem Einkommen prägen das Viertel. Gerade deshalb wurde das Gemeindezentrum von Anfang an nicht nur als Kirchenraum gedacht. Kirche soll hier mitten im Leben des Stadtteils präsent sein.
Nun beginnt eine neue Etappe. Die norwegische Missionsgesellschaft, die den Gemeindeaufbau über viele Jahre begleitet hat, zieht sich aus der bisherigen Unterstützung zurück. Gleichzeitig ist die Gemeinde derzeit ohne Pastorin. Und es fehlt Geld, um dauerhaft Gehälter zu finanzieren. Damit steht Mustamäe vor der vielleicht schwierigsten Phase eines Gemeindegründungsprojektes: Die Anschubhilfe endet, während die Gemeinde noch nicht auf eigenen finanziellen und personellen Füßen steht. Die Vorsitzende des Gemeindevorstands, Jaana Maria Unga, und die anderen Verantwortlichen wissen um diese Spannung. Sie haben keine fertige Antwort darauf, wie es weitergehen wird. Aber sie halten an der Gemeinde fest.
Das ist vielleicht das Entscheidende, was bei einem Besuch in Mustamäe sichtbar wird: Hier ist nicht alles eine Erfolgsgeschichte. Gemeinde wächst nicht automatisch, nur weil ein schönes Gebäude gebaut wurde. Ein Kirchenraum allein schafft noch keine Gemeinschaft. Und auch ein gutes Konzept ersetzt nicht die Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Aber umgekehrt gilt auch: Aus einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich 2008 an wechselnden Orten traf, ist etwas entstanden, das Bestand hat. Es gibt Gottesdienste, Kinder- und Jugendarbeit, Bibelgruppen, Konzerte und ökumenische Begegnungen .- und es gibt dieses wunderschöne Gebäude.
„Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.“ Mehr Gewissheit gibt es in Mustamäe derzeit nicht. Aber vielleicht gehört genau das zum Glauben: nicht schon zu wissen, wie es weitergeht und trotzdem den nächsten Schritt zu tun.
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