„In der Schule zu unterrichten ist mein Hobby“, sagt Erzbischof Urmas Viilma von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Estland (EELK). An der Tallinner Domschule der Kirche unterrichtet er bis heute Religionsunterricht in der 8. und 9. Klasse. Der Unterricht erinnert in vielem an das, was andernorts der Konfirmandenunterricht leistet: Junge Menschen setzen sich mit Glauben, Religion und Lebensfragen auseinander. Viilma selbst blickt auf mehr als 30 Jahre Erfahrung als Lehrer zurück.

Außenbeauftragte der EELK
(2. v. rechts; Foto: Haaks)
Die Verbindung von Bildung und Gemeinde ist für die lutherische Kirche in Estland ein wichtiger Zukunftsbaustein. Vier lutherische Schulen gibt es im Land, zwei davon in Tallinn. „Für uns sind die Schulen wichtig, damit junge Menschen religiös sozialisiert sind, denn Estland ist eines der säkularisiertesten Länder Europas“, sagt Viilma.
Wie stark sich die Ausgangslage der Kirche verändert hat, wird im Blick auf die jüngere Geschichte deutlich. Am 20. August 1991 stellte Estland seine staatliche Unabhängigkeit wieder her. Für die EELK bedeutete dies nach Jahrzehnten sowjetischer Repression eine zweite große Befreiung. Schon während der „Singenden Revolution“ ab 1987/88 war kirchliches Leben wieder sichtbarer geworden. Nach 1991 konnte die Kirche ihre Strukturen neu aufbauen, Gebäude renovieren, die theologische Ausbildung entwickeln und wieder stärker öffentlich wirken. Seit dieser Zeit begleitet das GAW die EELK als verlässlicher Partner.
Doch mit der politischen Freiheit kehrte die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit nicht zurück. Die Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft hatten Estland tief säkularisiert. Der zunächst zu beobachtende Anstieg von Taufen und Konfirmationen nach der Unabhängigkeit hielt nicht dauerhaft an. Heute gehört nur noch ungefähr jeder zehnte Einwohner zur EELK.
Die Kirche steht deshalb vor der Aufgabe, christlichen Glauben in einer Gesellschaft zu vermitteln, in der religiöse Bindungen für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr sind. Dabei versucht sie auch, neue Formen von Gemeinde zu entwickeln. Saku gehört zu den jüngeren Gemeindegründungen, auch die Gemeinde in Mustamäe entstand aus einem solchen Ansatz. Bei beiden Projekten gab es Unterstützung durch die Norwegische Missionsgesellschaft. In Saku ist die norwegische Mission bis heute präsent.
Die Erfahrungen mit internationaler Unterstützung sind dabei unterschiedlich. Auch von früheren Projekten finnischer Missionare wird berichtet, bei denen Planung und örtliche Voraussetzungen nicht ausreichend zusammenpassten. Solche Erfahrungen zeigen: Gemeindeaufbau lässt sich nicht einfach von einem Land in ein anderes übertragen. Unterstützung kann wichtige Impulse geben. Entscheidend ist aber, dass daraus eine tragfähige Arbeit vor Ort entsteht und Menschen vor Ort Verantwortung übernehmen.
Der gesellschaftliche Kontext bleibt herausfordernd. Rund 71 Prozent der Esten bezeichnen sich als nicht religiös, während etwa 26 Prozent einer christlichen Konfession zugerechnet werden. Zugleich gibt es keine ausgeprägte Kirchenfeindschaft. Eher herrscht religiöse Gleichgültigkeit. Zu Weihnachten öffnen sich allerdings viele Türen: Nach Angaben der Kirche besuchen 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung einen Weihnachtsgottesdienst oder ein christliches Konzert. Pfarrerinnen und Pfarrer genießen durchaus gesellschaftlichen Respekt besonders in den ländlichen Regionen. Staatliche Unterstützung für die kirchliche Arbeit gibt es dagegen kaum.
Umso wichtiger ist für die EELK die Frage, wie sie ihre Identität in dieser veränderten Umgebung gestalten will. Das zeigt sich auch an aktuellen innerkirchlichen Debatten. Eine gemeinsame Liturgie soll die Einheit und gemeinsame Identität der EELK stärken. Der Übergang zu einer einheitlicheren Gottesdienstordnung ist allerdings umstritten. Hinter der Auseinandersetzung über liturgische Formen stehen auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was die theologische Identität der Kirche ausmacht.
Ähnliches gilt für das neue Gesangbuch, an dem die EELK seit Jahren arbeitet. Es soll zum Advent 2027 fertiggestellt werden. Mehr als 400 Lieder aus dem bisherigen Gesangbuch sollen übernommen, etwa 500 neue Lieder ergänzt werden. Auch hier treffen liturgische, musikalische und theologische Vorstellungen aufeinander.
Noch grundsätzlicher sind die theologischen Gespräche über aktuelle gesellschaftliche Fragen. 2026 beschäftigt sich die EELK mit „Leben und Heiligkeit“ sowie mit „Geschlechtlichkeit und Sexualität“. Die Themen sollen ausdrücklich theologisch, biblisch, ethisch und seelsorglich bearbeitet werden. Dabei geht es zunächst nicht um neue Lehrentscheidungen. Unterschiedliche Positionen sollen gehört, begründet und miteinander ins Gespräch gebracht werden. Die Kirchenleitung hat ausdrücklich festgehalten, dass die Ergebnisse dieser Gespräche selbst noch keine Lehrentscheidungen darstellen.
Für Erzbischof Viilma gehört dazu eine Grundhaltung: Kirche muss ihre Überzeugungen vertreten können, ohne den Dialog abzubrechen. Sie soll Menschen nicht zuerst beurteilen, sondern ihnen zuhören und sie seelsorglich begleiten.
Darin liegt eine der entscheidenden Zukunftsfrage der lutherischen Kirche in Estland: Wie kann sie ihre Identität bewahren und zugleich offen bleiben für eine Gesellschaft, in der Religion für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr ist? Schulen und Gemeindegründungen wie Saku gehören ebenso zu dieser Suche wie Gottesdienst, Jugendarbeit und Seelsorge und dazu die Bereitschaft, über die schwierigen Fragen der Gegenwart miteinander im Gespräch zu bleiben.
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