
1952-1971; Foto: GAW)
Was bedeutet es eigentlich, Kirche zu sein? Ist Diaspora nur ein „Mängelexemplar“ der großen Volkskirche – oder zeigt sich in ihr vielleicht etwas vom eigentlichen Wesen der Kirche?
Mit dieser Frage beschäftigt sich ein bemerkenswerter Text des damaligen GAW-Präsidenten Prof. Dr. Franz Lau aus dem Jahr 1956. Seine Überlegungen zur „Theologie der Diaspora“ lesen sich erstaunlich aktuell. Nicht, weil Lau unsere heutige Situation hätte voraussehen können. Sondern weil er eine theologische Einsicht formulierte, die uns heute bei den tiefgreifenden Veränderungen in der evangelischen Kirche neu beschäftigen muss.
1956 erschien die kirchliche Welt noch vergleichsweise übersichtlich. Die Volkskirche war der „große bergende Raum“, eine „schützende Mauer“, die Diasporagemeinden mit Geld, Pfarrern und kirchlicher Tradition unterstützte. Diaspora bedeutete dagegen häufig: kleine Gemeinden, materielle Not, fehlende Strukturen und das Gefühl, am Rand zu stehen.
Lau stellte schon damals die Frage: Ist die Unterscheidung zwischen einer starken „Mutterkirche“ und einer schwachen Diaspora überhaupt theologisch angemessen?
Die aktuelle kirchliche Situation in unserem Land ist inzwischen völlig anders. Weniger als 50% der Gesamtbevölkerung gehört einer christlichen Kirche an. „Volkskirche“ wie man sie in den 50erJahren verstand, gibt es so längst nicht mehr. Die Perspektive hat sich verschoben. Viele Gemeinden in Deutschland müssen schmerzhaft lernen, Minderheit zu sein. Wie können sie lernen, Diaspora zu sein?
Besonders eindrücklich ist Laus Hinweis, dass das „schöne, geschlossene Kirchentum“ ein Ende finden könnte. Christen könnten eines Tages „zerstreut unter Menschen wohnen“, die dem Glauben bereits Adieu gesagt haben.
Was Lau 1956 als mögliche Zukunft beschrieb, ist heute Gegenwart. Doch daraus folgt für ihn nicht das Ende der Kirche. Im Gegenteil: Er führt zu einer überraschenden theologischen Pointe: „Im allerletzten Sinne ist Kirche immer Diaspora.“
Damit dreht sich die Perspektive um. Diaspora ist nicht der defizitäre Sonderfall von Kirche. Sie zeigt vielmehr ihre „Ur- und Grundgestalt“. Kirche lebt nicht zuerst von Größe, gesellschaftlicher Anerkennung oder institutioneller Stärke. Sie lebt von Menschen, die sich um Gottes Wort versammeln und daraus leben.
Vielleicht müssen wir deshalb heute fragen: Was bleibt, wenn die Schutzmauer fällt? Und vielleicht lautet die Antwort: Das Eigentliche der Kirche war nie die Mauer.

zusammen – GAW-Fest 1954 in
Maulbronn (Foto: GAW)
Laus Text fordert deshalb zu einem Perspektivwechsel heraus. Nicht nur die Diaspora muss von der großen Kirche lernen. Die große Kirche muss von der Diaspora lernen.
Diasporakirchen wissen seit langem, dass Kirche auch mit wenigen Menschen, geringen finanziellen Möglichkeiten und ohne gesellschaftliche Selbstverständlichkeit lebendig sein kann. Sie haben gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu suchen.
Das ist keine romantische Verklärung von Minderheitensituationen. Diaspora kann mühsam, verletzlich und schmerzhaft sein. Aber sie kann auch eine Schule der Freiheit werden: Wenn die äußere Absicherung geringer wird, muss Kirche neu fragen, wofür sie da ist.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Wie verhindern wir Diaspora? Sondern: Wie leben wir Kirche in der Diaspora überzeugend?
Diese Perspektive verändert auch den Blick auf die Arbeit des GAW. Wir sind nicht einfach die starke Kirche, die den kleinen und schwachen Kirchen hilft. Immer mehr werden wir zu einer Gemeinschaft von Kirchen, die an unterschiedlichen Orten ähnliche Erfahrungen machen: Kirche zu sein, ohne dass der Glaube gesellschaftlich selbstverständlich ist.
Darum ist die weltweite Diaspora nicht nur Empfängerin unserer Unterstützung. Sie ist Partnerin und Lernort. Von ihr können wir erfahren, wie Kirche unter veränderten Bedingungen lebt, wie sie sich auf das Evangelium konzentriert und wie aus Minderheit Sendung werden kann. Deshalb: Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht daran, ob sie wieder groß wird. Sie entscheidet sich daran, ob sie weiß, wofür sie da ist. Es geht darum, dass Menschen, die sich um Christus versammeln, miteinander Hoffnung teilen und von dort aus gesandt werden. Die Diaspora ist nicht das Ende der Kirche. Sie ist eine ihrer Zukunftsgestalten.
Der zugrunde liegende Artikel „Diaspora als Kirche / Kirche als Diaspora“ von Prof. Dr. Franz Lau erschien im Gustav-Adolf-Blatt 3/1956
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