Gemeinsamer Stand GEKE/GAW beim DEKT 2023
in Nürnberg (Foto: Haaks)

Was bedeutet es, evangelische Kirche zu sein, wenn Kirche in unseren Gesellschaften nicht mehr selbstverständlich ist? Diese Frage wird für viele Kirchen in Europa immer drängender. Sinkende Mitgliederzahlen, Säkularisierung und schwindende Bindekräfte markieren eine Krise. Zugleich fordern sie zu einem neuen Nachdenken über Kirche in der Diaspora heraus.

Diaspora ist dabei mehr als eine Situation kleiner werdender Kirchen. Das griechische Wort bedeutet „Zerstreuung“, aber auch Aussaat. Darin liegt ein wichtiger Perspektivwechsel: Nicht nur zählen, was weniger wird, sondern fragen, wo wir als Kirche ausgesät sind und was dort wachsen kann. Das aber haben wir nicht in der Hand.

Eine Theologie der Diaspora erinnert daran: Christliche Kirche lebt nicht zuerst aus ihrer Größe und gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit, sondern aus ihrer Sendung. Sie ist mitten in der Welt präsent – dort, wo Menschen leben, fragen, hoffen und leiden. Diaspora ist deshalb nicht nur eine Erfahrung des Verlustes. Sie kann zu einer Gestalt kirchlicher Sendung werden.

Dafür braucht es ein hörendes Herz (Christoph Sigrist). „Auf-Hören“ bedeutet: innehalten, still werden und sich erreichen lassen von einer anderen Stimme. Kirchliche Vitalität entsteht nicht zuerst durch neue Programme, sondern dort, wo Resonanz möglich wird und Menschen sich selbst, andere und vielleicht Gott neu erfahren. Ein hörendes Herz ist ein anrufbares Herz: offen für Menschen und ihre Fragen und für Gottes überraschendes Handeln.

Das biblische Bild von Emmaus macht dies anschaulich: Der Auferstandene geht mit den Jüngern, obwohl sie ihn zunächst nicht erkennen. Auch Kirche muss nicht immer schon wissen, wo Gott gegenwärtig ist. Sie darf darauf vertrauen, dass Christus mit ihr unterwegs ist, oft unerkannt. Ihre Vitalität muss sie deshalb nicht selbst erzeugen. Gottes Geist eröffnet Wege, die sie noch nicht kennt.

So können Kirchen zu Schutz-, Gast- und Begegnungsräumen werden. Diakonisches Handeln und geistliches Leben gehören dabei zusammen. Kirche wird zur Gastgeberin: Sie schafft Raum, hört zu und lädt ein, statt für alles fertige Antworten bereitzuhalten.

Dazu gehört der Abschied von der Vorstellung, es könne ein „Zurück“ zu früheren volkskirchlichen Verhältnissen geben. Die Zukunft liegt nicht in der Wiederherstellung einer vergangenen Selbstverständlichkeit, sondern in einer Kirche, die ihre Diasporasituation annimmt und darin ihre Sendung entdeckt.

Tradition und Innovation widersprechen sich dabei nicht. Tradition ist lebendige Weitergabe und nicht das Festhalten des Vergangenen. Das Evangelium bleibt. Seine Formen dürfen und müssen sich verändern, wenn es Menschen in ihrer jeweiligen Zeit erreichen soll.

Vielleicht beginnt kirchliche Vitalität deshalb genau dort, wo wir aufhören, nur nach innen zu schauen und zu zählen, was verloren geht: wo wir anfangen zu hören, uns anrufen zu lassen, hinauszugehen und zu säen. Denn Kirche muss nicht wieder groß werden, um lebendig zu sein. Sie muss sich senden lassen.