Dr. Dieter Knall (2. v.rechts) war von 1968-1976 Generalsekrteär des GAW. Er verfasste den Lage- und Tätigkeitsbericht
des GAW für das Jahr 1975 (Foto: GAW)

Schon vor mehr als 50 Jahren beschäftigte sich das GAW intensiv mit einer Frage, die heute viele Kirchen bewegt: Was bedeutet es, Kirche in einer zunehmend säkularen Gesellschaft und als Minderheit zu sein?

Der Lage- und Tätigkeitsbericht des GAW für das Jahr 1975 zeigt, dass die Herausforderungen der Diaspora damals bereits theologisch reflektiert wurden. In der Zeit nach der ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1972, die grundlegende Veränderungen im Verhältnis von Menschen und Kirche sichtbar gemacht hatte, wuchs auch im GAW das Bewusstsein dafür, dass die vertrauten volkskirchlichen Strukturen nicht selbstverständlich bleiben würden.

Dabei richtete das GAW den Blick auf die Erfahrungen evangelischer Minderheitskirchen weltweit. Es ging nicht um eine romantische Verklärung der Diaspora oder darum, Erfahrungen anderer Kirchen einfach auf die deutsche Situation zu übertragen. Vielmehr wurde deutlich: Kirche in der Minderheit zu sein, ist nicht nur eine Herausforderung oder eine Notlage. Es kann auch eine geistliche Chance sein und eine Möglichkeit, neu über Auftrag, Gemeinschaft und Zeugnis der Kirche nachzudenken.

Diaspora ist mehr als ein Leben in der Minderheit

Das GAW erinnerte bereits damals daran, dass die Geschichte des Christentums selbst eine Geschichte der Diaspora ist. Die Gemeinden des Neuen Testaments entstanden nicht aus einer gesellschaftlichen Mehrheit heraus, sondern in Situationen der Fremdheit, Begrenzung und des Widerspruchs.

Die „kleine Herde“, von der Jesus spricht, ist dabei keine Gemeinschaft, die sich ängstlich zurückzieht oder nur um den eigenen Erhalt bemüht ist. Diaspora bedeutet nicht Rückzug, sondern Sendung. Die Zerstreuung der ersten Christinnen und Christen, wie sie die Apostelgeschichte beschreibt, wurde zum Ausgangspunkt dafür, dass die Botschaft des Evangeliums neue Menschen und neue Orte erreichte.

Diaspora beschreibt deshalb mehr als eine statistische Minderheit. Es geht nicht allein um die Zahl der Mitglieder, sondern um die geistliche Situation einer Kirche, die ihren Glauben in einer pluralen Gesellschaft bezeugt. Auch eine große Kirche kann Diasporaerfahrungen machen, wenn sie nicht mehr aus gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit heraus lebt.

Die kleine Herde ist deshalb nicht zur Selbstbewahrung gerufen. Sie ist Salz und Licht in der Welt. Gerade ihre Begrenztheit kann sie daran erinnern, dass Kirche nicht zuerst von Größe, Einfluss oder gesellschaftlicher Macht lebt, sondern vom Vertrauen auf Gottes Wirken.

Von den Diasporakirchen lernen

Der Bericht des GAW von 1975 formuliert einen Gedanken, der bis heute wegweisend ist: Die Beziehung zwischen Kirchen in der Minderheit und Kirchen in traditionell gewachsenen Mehrheitsstrukturen ist kein einseitiges Helfen. Sie ist ein gegenseitiger Lernprozess.

Die Partnerkirchen des GAW zeigen, wie christliche Gemeinschaft auch unter schwierigen Bedingungen lebendig bleiben kann. Sie erzählen von Gemeinden, die mit wenigen Mitgliedern soziale Verantwortung übernehmen, sich für Geflüchtete einsetzen, Bildungsarbeit leisten oder trotz wirtschaftlicher und politischer Krisen Hoffnung geben.

Dabei hat sich das Verständnis des GAW weiterentwickelt: Aus einem Helfen für andere ist eine Partnerschaft mit anderen Kirchen geworden. Die Gemeinden in der Diaspora sind nicht bloße Empfänger von Unterstützung, sondern Glaubensgeschwister, deren Erfahrungen und Zeugnisse die weltweite Kirche bereichern.

Diese Erfahrungen werden für die Kirchen in Deutschland zunehmend wichtig. Denn auch hier verändert sich die kirchliche Landschaft. Die Zahl der Mitglieder sinkt, finanzielle und personelle Ressourcen werden knapper, und viele Gemeinden müssen neu darüber nachdenken, wie sie ihren Auftrag in der Gesellschaft wahrnehmen.

Solidarität, die verbindet

Schon 1975 wurde deutlich: Die Diasporaverantwortung des GAW hat zwei Seiten. Sie besteht darin, Kirchen weltweit konkret zu unterstützen durch Bauprojekte, Bildungsarbeit, Stipendien, diakonische Hilfe oder die Ausstattung von Gemeinden. Gleichzeitig geht es darum, in Deutschland das Bewusstsein für die weltweite Gemeinschaft der Christinnen und Christen zu stärken.

Diese Form der Solidarität ist bis heute das Herzstück der Arbeit des GAW: Evangelische Kirchen helfen evangelischen Kirchen nicht aus Überlegenheit, sondern aus Verbundenheit.

Diaspora verbindet zudem ökumenisch. Minderheitenkirchen lernen, über konfessionelle Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten, weil die gemeinsame Hoffnung des Evangeliums wichtiger ist als die eigene Größe. Das GAW versteht sich dabei als Brücke, die Begegnung, gegenseitigen Respekt und gemeinsames Lernen ermöglicht.

Eine alte Frage mit neuer Aktualität

Was im Bericht von 1975 beschrieben wurde, hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Die Frage nach der Zukunft der Kirche als Diasporakirche stellt sich heute erneut und mit großer Dringlichkeit.

Die erste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD machte bereits in den 1970er Jahren sichtbar, dass sich die Bindung vieler Menschen an Kirche verändert. Die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2023 zeigt, dass diese Entwicklung weitergegangen ist. Die Kirche verliert vielerorts ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit und wird stärker zu einer Gemeinschaft, die Menschen einlädt, überzeugt und begleitet.

Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Erfahrungen der weltweiten Diaspora. Sie erinnern daran: Kirche lebt nicht zuerst von Größe und Einfluss, sondern von Vertrauen, Glauben, Gemeinschaft und der Bereitschaft, für andere da zu sein.

Das GAW hat diese Perspektive bereits vor über 50 Jahren formuliert. Die „kleine Herde“ ist keine Kirche ohne Zukunft. Sie ist eine Kirche, die neu entdecken kann, wofür sie da ist: das Evangelium zu teilen, Menschen Hoffnung zu geben und in weltweiter Gemeinschaft miteinander verbunden zu bleiben.

Die Diaspora ist deshalb nicht nur eine Herausforderung der Gegenwart. Sie ist eine bleibende Aufgabe und vielleicht sogar eine wichtige Perspektive für die Kirche der Zukunft.