Eine Standortbestimmung evangelischer Publizistik in Krisenzeiten beim ZDF in Mainz

Die Debatten werden schärfer. Die Tonlage unerbittlicher. Und zugleich scheint etwas verloren zu gehen, das für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar ist: die Bereitschaft, dem anderen wirklich zuzuhören.

Professor Bernhard Pörksen (Foto: Haaks)

„Im Zweifel relevant!“ – unter diesem Titel ging es beim ZDF in Mainz um eine Standortbestimmung evangelischer Publizistik in Krisenzeiten. Moderiert von Jo Schück diskutierten Professor Bernhard Pörksen, Professor Florian Höhne, Dr. Stefanie Schardien und Isabel Schayani, Sonderpreisträgerin des Robert-Geisendörfer-Preises, über die Frage, wie Journalismus und Kirche in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit knapp und Verständigung schwieriger geworden ist, Öffentlichkeit gestalten können

ZDF-Intendant Dr. Norbert Himmler beschrieb eine zentrale Aufgabe des Journalismus: Von der Vielfalt der Wirklichkeit erzählen und Hintergründe aufdecken. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber längst nicht mehr. Was geschieht, wenn Menschen diese Arbeit nicht mehr achten? Wenn Fakten nicht mehr überzeugen, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen? Wenn Menschen sich gegenüber Medien – und vielleicht auch gegenüber der Kirche – gar nicht mehr öffnen? Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wie erreichen wir die Menschen? Sondern auch: Wie tragen wir faktenbasierten Journalismus in die Öffentlichkeit? Das ist keine Aufgabe allein für Journalistinnen und Journalisten. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und damit auch eine Aufgabe der Publizistik und der Kirche.

Vielleicht müssen wir deshalb stärker vom Fragen ins Tun kommen: für Werte einstehen, Räume für Differenzierung offenhalten und einer Haltung entgegenwirken, die das, was unsere demokratische Gesellschaft zusammenhält, einfach ignoriert.

Professor Bernhard Pörksen rückte einen anderen Begriff ins Zentrum: das Zuhören. Zuhören klingt zunächst unspektakulär. Bei genauerem Hinsehen ist es eine ziemlich radikale Fähigkeit. „Zuhören ist nur im Akt der Freiheit möglich“ – dieser Gedanke blieb hängen. Denn Zuhören bedeutet, sich für einen Moment nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Es bedeutet, die Möglichkeit zuzulassen, dass die Welt des anderen anders aussieht als die eigene. Pörksen beschrieb Zuhören als eine elementare Kraft der Kommunikation – und die Stille gewissermaßen als eine „Supermacht“ der Kommunikation. Gerade in einer Zeit, in der sich Krisen verdichten, wird diese Fähigkeit wichtiger: Krieg, Migration, Klimakrise, gesellschaftliche Polarisierung, wirtschaftliche Unsicherheit und die tiefgreifenden Veränderungen durch digitale Medien und künstliche Intelligenz. Wie gewinnen wir Menschen in diesen Zeiten zum Zuhören, wenn Aufmerksamkeit selbst zur knappen Ressource geworden ist?

Einfache Rezepte gibt es nicht. Pörksen sprach deshalb von Prinzipien. Eines davon ist die Perspektivenverschränkung: In welcher Welt lebt der andere? Was prägt ihn? Wo gibt es Berührungspunkte? Wo kann Resonanz entstehen? Dabei geht es nicht darum, alles an sich heranzulassen. Das kann selbstzerstörerisch sein. Aber wir können uns auch nicht einfach von allem trennen, was uns irritiert. Es braucht eine Balance zwischen Selbstbehauptung und Offenheit. Zuhören bedeutet deshalb nicht Zustimmung. Und Nähe bedeutet nicht, den eigenen Kompass aufzugeben. Im Gegenteil: Wer weiß, wofür er steht, kann sich dem anderen eher aussetzen, ohne sich selbst zu verlieren.

Pörksen erinnerte an die Geschichte der Odenwaldschule und den vielen Missbrauchsfällen, die dort geschehen sind. Vieles war öffentlich bekannt und wurde dennoch nicht wirklich wahrgenommen. Es fehlte nicht unbedingt an Informationen. Es fehlte an Aufmerksamkeit und an der Bereitschaft, Konsequenzen aus dem Gehörten zu ziehen. Das ist eine bedrückende Einsicht. Denn Zuhören ist mehr als akustische Wahrnehmung.

Isabel Schayani (Foto: Haaks)

Wie aber entsteht eine kollektive Zuhörbereitschaft? Vielleicht dort, wo Menschen einander tatsächlich begegnen. Wo nicht nur gesendet, sondern auch empfangen wird. Wo Widerspruch nicht sofort zur Abwertung führt.

Wir Menschen sind Zuhörwesen. Wir sind auf Dialog angewiesen.

Isabel Schayani erzählte von ihrem Buch „Unwahrscheinliche Freundschaften“ und von Erfahrungen aus ihrer Redaktionsarbeit. Krisen wie in Afghanistan, Syrien, Iran oder die Ukraine waren und sind nicht nur journalistische Herausforderungen. Sie haben auch die Journalisten mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund unterschiedlich positioniert. Frage kamen auf: Wie reden wir miteinander, wenn die Fronten verhärtet sind? Ihre Antwort ist ermutigend und zugleich anspruchsvoll: Kontakt halten. Nähe zulassen. Zuhören. Und manchmal hilft sogar Humor. Auch Begegnungen mit Menschen, deren politische Positionen weit von den eigenen entfernt liegen, können möglich werden, wenn man sich auf den Menschen einlässt.

Dabei entsteht eine interessante Erfahrung: Je näher man an Menschen und ihre Lebensgeschichten herangeht, desto grauer und „langweiliger“ wird die Welt. Das klingt zunächst enttäuschend. Tatsächlich ist es ein Zeichen von Realität.

Menschen passen selten vollständig in Schubladen. Wer sich wirklich auf ihre Geschichten einlässt, entdeckt Widersprüche, Brüche, Erfahrungen und Ambivalenzen.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben guten Journalismus: die Wirklichkeit wieder komplizierter machen, ohne sie unverständlich zu machen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert haben. Große digitale Plattformen und wirtschaftliche Akteure verfügen über enorme Kommunikations- und Aufmerksamkeitsmacht. Öffentlichkeit wird zunehmend von Algorithmen, Plattformen und ökonomischen Interessen geprägt.

Was bedeutet das für Kirche und Publizistik?

Eine Antwort könnte darin liegen, Journalismus nicht nur als Beruf, sondern als Kulturtechnik zu verstehen. Wir brauchen eine „redaktionelle Gesellschaft“: Menschen müssen Informationen einordnen, Quellen prüfen, Interessen erkennen, Widersprüche aushalten und zwischen Nachricht, Meinung und Manipulation unterscheiden können.

Pastor Julian Sengelmann (Musiker, Theologe,
Schauspieler) – Foto Haaks

Journalistisches Handwerk wird damit zu einer Bildungsherausforderung. Und gerade deshalb braucht es unabhängigen Journalismus.

Der Geisendörfer-Preis steht für diese Aufgabe. Sein Gründer Robert Geisendörfer verstand Publizistik als Beitrag zur öffentlichen Verantwortung. Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft auseinanderzudriften droht, braucht es unabhängigen, differenzierenden Journalismus.

Und die Rolle der Kirche?

Kirche hat keine mediale Antwort auf jede gesellschaftliche Frage. Aber sie hat einen Kompass. Sie kann Räume eröffnen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Sie kann Geschichten erzählen, die sonst nicht gehört werden. Sie kann widersprechen, wenn Menschen entwürdigt werden. Und sie kann daran erinnern, dass ein Mensch mehr ist als seine politische Position oder seine Rolle in einer aufgeheizten Debatte. Kirche sollte deshalb nicht nur fragen: Wie erreichen wir die Öffentlichkeit? Sie muss auch fragen: Welche Öffentlichkeit wollen wir mitgestalten?

Vielleicht liegt darin ihre besondere Schubkraft: nicht anderen den öffentlichen Raum zu überlassen, sondern selbst Verantwortung für diesen Raum zu übernehmen.

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, Vorsitzende der Gemeinschaft Evangelischer Publizistik, erinnerte daran, dass christlich geprägte Publizistik ihre Werte nicht abstrakt behandeln sollte.

Erinnerungskultur, Terror, Katastrophen und Krieg bekommen ihre Bedeutung durch konkrete Menschen und ihre Biografien. Auch das ist eine Form des Zuhörens: Geschichte nicht nur als Zahl und Ereignis wahrzunehmen, sondern ihr durch die Geschichte eines Menschen ein Gesicht zu geben. Vielleicht ist das eine der stärksten Möglichkeiten von Kirche und Journalismus zugleich: Menschen sichtbar zu machen.

Nach der Diskussion führte uns der Weg über das beeindruckende Gelände des ZDF. Ein Blick hinter die Kulissen, der noch einmal deutlich machte, wie viel journalistisches und technisches Handwerk notwendig ist, damit am Ende eine Sendung auf dem Bildschirm erscheint.

Am Abend folgte die Verleihung des Geisendörfer-Preises.

Und plötzlich waren die großen Begriffe des Tages – Öffentlichkeit, Journalismus, Verantwortung, Zuhören, Erinnerung – nicht mehr abstrakt: Sie hatten Gesichter.

Die Preisträgerinnen und Preisträger erzählten von ihren Projekten, von Begegnungen und Geschichten, von Menschen, die ihnen anvertraut wurden. Es waren bewegende Momente.

Und vielleicht lag darin auch eine Antwort auf die Frage des Tages: „Im Zweifel relevant!“