
(Foto: Haaks)
Das Dorf Kamyshenka im Osten Kasachstans liegt 110 km Autofahrt durch die Kasachische Steppe entfernt von Astana. Das ist eine Region, in die mit der ersten Deportation der Sowjetzeit 1935 Deutsche, Polen, Ruthenen und Ukrainer nach Kasachstan aus der Westukriane deportert wurden. Das Dorf Kamyshenka wird zur Hälfte von polnischstämmigen Menschen und zur anderen Hälfte von Russlanddeutschen bewohnt. Für Kasachstan unüblich finden sich hier nur eine katholische und eine lutherische Kirche. Viele Familien hier tragen die Geschichte der sowjetischen Deportationen bis heute in sich. Viele Menschen kamen in Viehwaggons nach Kasachstan, oft unter unmenschlichen Bedingungen. Zahlreiche Familien verloren Angehörige auf dem Weg oder in den ersten Jahren der Verbannung.

Gerade in Nord- und Ostkasachstan entstanden dadurch kleine deutschsprachige und lutherische Gemeinden. Auch Kamyshenka wurde zu einem Ort, an dem Menschen trotz Leid und Entwurzelung ihren Glauben bewahrten. Die lutherische Gemeinde ist inzwischen klein geworden, aber sie lebt von persönlicher Nähe, gegenseitiger Hilfe und geistlicher Verbundenheit.

(Foto: Haaks)
Im Zentrum der Gemeinde steht heute Predigerin Elena. Mit großer Hingabe besucht sie Gemeindeglieder, organisiert Gottesdienste und hält die Gemeinschaft zusammen. Jeden Sonntag kommen ca. 17 Gottesdienstbesucher und mindestens 15 Kinde rund Jugendliche zur Sonntasschule. Wenn sie ein Sommercamp veranstaltet kommen schon mal 50 Kinder und JUgendliche. Zudem pflegt sie das Bethaus und heizt regelmäßig. Das ist wichtig in einem Land mit immensen Temperaturschwankungen im Jahr. In einem Dorf, aus dem viele junge Menschen weggezogen sind, bedeutet Kirche weit mehr als nur der Sonntagsgottesdienst. Elena kennt die Geschichten der älteren Menschen, die noch von Deportation, Hunger und den schweren Jahren der Sowjetzeit erzählen. Gleichzeitig versucht sie, der kleinen Gemeinde Mut für die Zukunft zu geben.

(Foto: S. Grundmann)
Eng verbunden bleibt die Gemeinde mit dem früheren Prediger Rubin Sternberg, der über viele Jahre das geistliche Leben in Kamyshenka und darüber hinaus geprägt hat. Als evangelisch-lutherischer Prediger der Evangelisch-Lutherischen Kirche wirkte er unter oft schwierigen Bedingungen: weit verstreute Gemeinden, wenige hauptamtliche Kräfte und eine nach dem Zerfall der Sowjetunion stark geschrumpfte kirchliche Infrastruktur. Viele erinnern sich an seine Besuche, Predigten und seelsorgliche Begleitung in einer Zeit, in der sich die lutherischen Gemeinden neu orientieren mussten – zwischen Tradition der Russlanddeutschen, sprachlicher Vielfalt und der Frage nach ihrer Zukunft in einem sich verändernden Land.
Neben seiner Gemeindearbeit übernahm Sternberg auch kirchenleitende Verantwortung und war zeitweise Vorsitzender der Synode, dem obersten Entscheidungsgremium der lutherischen Kirche im Land. Damit gehörte er zu denjenigen, die nicht nur einzelne Gemeinden begleiteten, sondern auch die strukturelle und geistliche Entwicklung der kleinen lutherischen Minderheit in Kasachstan mitprägten. In der Erinnerung vieler Gemeindeglieder steht sein Name für eine Phase des Übergangs, in der vieles fragil war, aber zugleich neue Formen von Gemeinschaft und Identität entstanden. Im Alter von 84 Jahren verstarb er im Mai 2026 und wurde unter Anteilnahme vieler Menschen zu Grabe getragen.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Kasachstan ist heute eine kleine Minderheitskirche in einem mehrheitlich muslimischen Land. Ihre Wurzeln reichen vor allem auf deportierte Russlanddeutsche zurück. Nach der großen Auswanderung vieler Deutscher nach Deutschland in den 1990er-Jahren schrumpften zahlreiche Gemeinden stark. Dennoch existiert weiterhin ein Netzwerk lutherischer Gemeinden in Städten und Dörfern des Landes. Die Kirche versteht sich heute zunehmend als offene Kirche für unterschiedliche ethnische Gruppen und Sprachen.
Kamyshenka steht für ein sich veränderndes Land und auch für die Geschichte und Tradition der lutherischen Kirche in Kasachstan. Die Gemeinde ist klein und äußerlich unscheinbar. Doch in den Begegnungen mit Elena, den älteren Gemeindegliedern und den Erinnerungen an Rubin Sternberg wird sichtbar, wie viel Kraft in einem Glauben liegen kann, der Verfolgung, Deportation und gesellschaftliche Umbrüche überdauert hat. Elena wird die Gemeinde weiter begleiten. Sie steht damit für Hoffnung und Zuversicht, das die Kirche leben und zeige will.
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