Bethaus in Kamenogorsk (saniert mit
GAW-Mitteln 2020 – Foto: GAW)

Die Geschichte der lutherischen Kirche in Kasachstan ist untrennbar mit der Geschichte der Russlanddeutschen und den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Sie erzählt von Deportation und Verfolgung, vom Verlust der Heimat, aber auch von Beharrlichkeit, kultureller Identität und religiösem Überleben in Zentralasien.

Die ersten lutherischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Kasachstans entstanden bereits im 19. Jahrhundert. Ihre eigentliche Prägung erhielt die Kirche jedoch in der Stalinzeit. Hunderttausende Deutsche wurden aus der Wolgaregion, aus der Ukraine oder dem Kaukasus nach Zentralasien deportiert. Viele kamen in Viehwaggons nach Kasachstan, verloren Angehörige, Heimat und Besitz.

Mit den Repressionen wurde die Kirche verfolgt. Gebäude wurden geschlossen, Geistliche verhaftet oder ermordet. Christliches Leben konnte oft nur heimlich stattfinden. Das Glaubensleben fand nur noch heimlich statt.

Eine Schlüsselfigur dieser Zeit war Pastor Eugen Bachmann. Nach seiner Entlassung aus dem Lager kam er nach Akmola, dem heutigen Astana, und organisierte dort geheime Gottesdienste. Auch in Karaganda und anderen Orten entstanden Untergrundgemeinden.

1957 wurde schließlich in Akmola die erste lutherische Gemeinde nach den Jahren der Zerschlagung offiziell registriert, früher als in Moskau oder Leningrad. Damit wurde Kasachstan zeitweise zum Zentrum des sowjetischen Luthertums. Weil hier besonders viele deportierte Deutsche lebten, entwickelte sich die Republik zeitweise zur „protestantischsten“ Region der Sowjetunion.

Bischof Rostislav Novogorodov
(Foto: MLB)

Für viele Russlanddeutsche wwurde die Kirche in der atheistischen und repressiven Sowjetgesellschaft zu einem sozialen Schutzraum und zu einem Ort kultureller Selbstbehauptung.

Hier konnte man Deutsch sprechen, vertraute Lieder singen und Erinnerungen bewahren. Die Gemeinden boten Zusammenhalt in einer Umgebung, in der viele Menschen entwurzelt waren.

Bis heute spielt die deutsche Sprache eine besondere Rolle. Sie ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern Ausdruck von Herkunft und Erinnerung. Manche Gemeindeglieder besuchen die Gottesdienste gerade deshalb, weil sie dort Deutsch sprechen können. Selbst Menschen ohne deutsche Wurzeln fühlen sich davon angezogen. So erzählt Bischof Rostislaw Novgorodow von einem kasachischen Gemeindemitglied, das besser Deutsch spreche als manche Russlanddeutsche.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann die massive Auswanderung der Deutschen nach Deutschland. Ganze Dörfer leerten sich. Viele Gemeinden verloren den Großteil ihrer Mitglieder. Kirchen standen leer. Damals befürchteten viele, dass mit den Russlanddeutschen auch die lutherische Kirche aus Kasachstan verschwinden würde. Doch sie überlebte in veränderter Form.

Heute ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kasachstan längst keine rein deutsche Kirche mehr. Neben Russlanddeutschen gehören Russen, Kasachen und Angehörige anderer Volksgruppen zu den Gemeinden. Auch unter den Geistlichen finden sich inzwischen Kasachen. Diese Entwicklung stellt die Kirche zugleich vor eine Identitätsfrage: Ist sie vor allem Bewahrerin deutscher Tradition? Oder entwickelt sie sich zu einer multiethnischen evangelischen Kirche Zentralasiens?

Eine zentrale Rolle spielt bis heute die Erinnerung an Deportation und Verfolgung. Besonders sichtbar wird dies beim jährlichen Gebet für die Opfer der Deportationen. Dabei werden Namen der Verstorbenen laut vorgelesen oft verbunden mit persönlichen Erinnerungen: „Das war meine Großmutter“ oder „Das war mein Vater“. Diese Form des Gedenkens verbindet Menschen weit über die deutsche Minderheit hinaus. Die Kirche wird damit zu einem Ort gemeinsamer Erinnerungskultur in einer Gesellschaft, die bis heute von den Folgen sowjetischer Gewalt geprägt ist. Viele Zeitzeugen leben noch immer. Deshalb plant die Kirche den Aufbau eines Museums zur Geschichte ihrer ersten Gemeindemitglieder. Historische Bücher und Dokumente aus dem 19. Jahrhundert sind bereits vorhanden. Vor allem aber sollen persönliche Erinnerungen bewahrt werden, bevor die Generation der Deportierten verschwindet.

2017 wurde in Astana die neue Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche eingeweiht. Sie gilt als Besonderheit: Es ist die einzige lutherische Kirche Kasachstans, die von Anfang an als Kirchengebäude geplant und errichtet wurde. Viele andere Gemeinden nutzen umgebaute Wohnhäuser oder ehemalige Verwaltungsgebäude.

Die Architektur wirkt bewusst schlicht. Es geht um die Konzentration auf Predigt und Gottes Wort. In den Jahrzehnten der Verfolgung entstand eine Spiritualität der Einfachheit ohne großen Prunk, aber mit starker innerer Bindung. Für die kleine protestantische Minderheit im Land ist die Kirche zugleich ein sichtbares Symbol ihrer Präsenz geworden.

Einweihung der lutherischen Kirche
in Astana 2017 (Foto: GAW)

Kasachstan selbst präsentiert sich international gern als Land des interreligiösen Dialogs. Besonders sichtbar wird dies beim regelmäßig stattfindenden Kongress der Weltreligionen in Astana, an dem Vertreter zahlreicher Religionen teilnehmen. Auch die kleine lutherische Kirche ist dort vertreten und arbeitet im Umfeld des Organisationskomitees mit.

Tatsächlich pflegt die Kirche gute ökumenische Beziehungen – etwa zu Orthodoxen, Katholiken und Anglikanern. International ist sie eng mit dem Lutherischer Weltbund verbunden. Auch Partner aus Deutschland und Nordeuropa begleiten die Kirche seit Jahren. Organisationen wie das GAW oder der Martin-Luther-Bund unterstützen Gemeinden, Bauprojekte und die Ausbildungsarbeit.

Gleichzeitig bleibt Religion in Kasachstan ein sensibler Bereich. Der Staat kontrolliert religiöse Aktivitäten vergleichsweise streng. Gemeinden müssen registriert sein, religiöse Arbeit wird überwacht, und besonders kleinere Freikirchen stoßen immer wieder auf Einschränkungen. Die lutherische Kirche genießt dabei eine gewisse Sonderstellung. Sie gilt als historisch gewachsene Kirche und wird weniger misstrauisch betrachtet als manche neu entstandenen religiösen Gruppen.

Die Lutheraner leben heute in einem mehrheitlich muslimischen Land, zugleich aber auch in einem postsowjetischen Raum, der kulturell stark von der russisch-orthodoxen Tradition geprägt ist. Dadurch bewegt sich die Kirche zwischen verschiedenen religiösen und kulturellen Welten. Hinzu kommen klassische Minderheitenprobleme: Überalterung, geringe finanzielle Mittel und fehlender theologischer Nachwuchs. Viele Gemeinden sind klein geworden.

Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb: Was bleibt, wenn die Generation der Deportierten nicht mehr lebt? Wird die deutsche Sprache weiterhin eine tragende Rolle spielen? Kann die Kirche junge Menschen gewinnen? Und gelingt der Wandel von einer deutschen Erinnerungs- und Diasporakirche hin zu einer offenen evangelischen Kirche Zentralasiens?

(Quelle: u.a. Lutherischer Dienst, 61. Jahrgang, 2025, Heft 1)