(Foto: www.evang.at)

Vor fast 300 Jahren wurden evangelische Glaubensflüchtlinge auf ihrem Weg nach Preußen in Leipzig aufgenommen. Die Stadt zeigte eine bemerkenswerte Hilfsbereitschaft. Eine neue Gedenktafel in Salzburg erinnert heute an die Vertreibung und mahnt zur Religionsfreiheit.

Am 31. Oktober 2026, dem Reformationstag, wurde in der Salzburger Innenstadt eine neue Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an eines der dunkelsten Kapitel der evangelischen Geschichte Österreichs: die Vertreibung der Salzburger Protestanten 1731/32. Fast 300 Jahre nach den Ereignissen soll die Tafel das Erinnern wachhalten und zugleich ein Zeichen für Religionsfreiheit und Versöhnung setzen.

Dass diese Geschichte auch mit Leipzig eng verbunden ist, wissen heute nur wenige. Im Juni 1732 kamen Salzburger Glaubensflüchtlinge auf ihrem Weg nach Preußen in die Messestadt. Sie fanden dort nicht nur eine Durchgangsstation, sondern eine Stadt, deren Bevölkerung ihnen mit bemerkenswerter Hilfsbereitschaft begegnete – eine Erfahrung gelebter Diasporasolidarität, die bis heute nachwirkt.

Auslöser der sogenannten Großen Emigration war ein Erlass des Salzburger Fürsterzbischofs Leopold Anton von Firmian vom 31. Oktober 1731. Alle Menschen evangelischen Glaubens sollten das Land verlassen. Für Bauern galten drei Monate, für Besitzlose wie Knechte und Mägde sogar nur acht Tage. Rund 20.000 Menschen mussten ihre Heimat aufgeben. Etwa ein Sechstel der Bevölkerung des Erzstifts Salzburg verlor damit seine Lebensgrundlage. Rund 1700 Höfe standen anschließend leer.

Die meisten Vertriebenen machten sich auf den Weg nach Ostpreußen, wo ihnen der preußische König Friedrich Wilhelm I. die Ansiedlung ermöglichte. Andere wanderten in die Niederlande oder bis nach Georgia in Nordamerika aus. Familien mussten ihre Höfe, Häuser und vertraute Umgebung zurücklassen. Sie verloren einen großen Teil ihres Besitzes und waren auf die Solidarität fremder Menschen angewiesen.

Am 13. und 14. Juni 1732 erreichten rund 1800 Salzburger Emigranten Leipzig. Die Stadt hatte damals etwa 29.000 Einwohner. Die Aufnahme und Versorgung so vieler Menschen stellte sie vor erhebliche Herausforderungen. Familien, alte Menschen und Kinder kamen erschöpft nach einem langen und beschwerlichen Weg an.

Der Leipziger Stadtrat, die Universität und die Bürgerschaft beteiligten sich gemeinsam an ihrer Versorgung. Die Flüchtlinge erhielten Unterkunft, Verpflegung und finanzielle Unterstützung. Diese breite gesellschaftliche Beteiligung macht die Leipziger Aufnahme zu einem Beispiel organisierter Diasporasolidarität.

Wie stark diese Hilfsbereitschaft wahrgenommen wurde, zeigen zeitgenössische Veröffentlichungen. Der Leipziger Katechet Christoph Sancke dokumentierte die Ereignisse ausführlich. In seiner 1732 erschienenen „Ausführlichen Historie derer Emigranten“ schrieb er, Leipzig habe den Salzburgern mehr Gutes erwiesen als irgendein anderer Ort, an dem sie bisher gewesen seien.

Die Aufnahme der Salzburger war nicht allein eine kommunale und soziale Aufgabe. Die evangelischen Gemeinden kümmerten sich auch um die geistliche Begleitung der Flüchtlinge. Gottesdienste, Predigten und seelsorgliche Gespräche gehörten dazu. Die Salzburger konnten die Gottesdienste in den Leipziger Kirchen besuchen und am Abendmahl teilnehmen.

Besonders bemerkenswert ist eine Predigt, die 1734 in der Nikolaikirche an den Durchzug der Salzburger erinnerte. Der Prediger Carl Gottlob Hoffmann sprach über Jesus als ein „armes und zartes Emigranten-Kind“, eine Deutung, die die Fremdheitserfahrung der Flüchtlinge unmittelbar mit der christlichen Botschaft verband.

Auch Johann Sebastian Bach wirkte damals als Thomaskantor in Leipzig, und bis heute hält sich die Erzählung, er habe eigens für die Salzburger die Kantate „Brich dem Hungrigen dein Brot“ aufgeführt. Historisch lässt sich das nicht belegen: Die Kantate entstand bereits 1726, also Jahre vor der Ankunft der Flüchtlinge. Die Legende ist zwar anschaulich, verdeckt aber eher den Blick auf das, was tatsächlich gut belegt ist – nämlich die breite, organisierte Hilfsbereitschaft der Stadt, die keiner zusätzlichen Ausschmückung bedarf.

Im September 1732 erreichte eine weitere große Gruppe von mehr als 1000 Salzburgern die Stadt. Auch sie wurde aufgenommen und versorgt.

Die Enthüllung der neuen Gedenktafel am 31. Oktober 2026 in Salzburg wurde vom „Salzbund“, einem Verein zur Pflege evangelischen Lebens im Land Salzburg, initiiert. Unter den Gästen waren Bürgermeister Bernhard Auinger, Superintendent Olivier Dantine, Pfarrerin Margit Geley und Salzbund-Obfrau Ingrid Eckerl.

Superintendent Olivier Dantine betonte, dass die Erinnerung heute im Geist der Liebe und Versöhnung geschehen müsse. Das Gebot der Liebe führe zu gegenseitigem Respekt über Konfessionsgrenzen und historische Verletzungen hinweg. Zugleich erinnerte er daran, dass der Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit eine bleibende gemeinsame Aufgabe sei. Diese Grundrechte seien keineswegs selbstverständlich.

Bereits 1966 hatte der damalige Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher die evangelischen Christinnen und Christen um Vergebung für die Vertreibung gebeten. 2016 nahm die Evangelische Kirche diese Vergebungsbitte offiziell an. Die neue Gedenktafel steht damit auch für einen langen Weg ökumenischer Verständigung.

Die Geschichte der Salzburger Protestanten führt von Salzburg über Leipzig bis nach Ostpreußen. Sie erzählt von religiöser Ausgrenzung, erzwungener Migration und dem Verlust der Heimat. Aber sie erzählt auch von Menschen, die anderen Menschen beistanden.