Pfarrer Tomasz Wola bei einer Taufe
(Foto: T. Wola)

Beim Runden Tisch in Koszalin in Polen berichtete Pfarrer Tomasz Wola von einem beeindruckenden Beispiel von einem gelungenen Gemeindeaufbau einer lutherischen Gemeinde in Piła .

110 Gemeindemitglieder, eine eigene Kirche und ein vielfältiges Engagement für die Stadtgesellschaft: Die Evangelisch-Augsburgische Gemeinde im nordpolnischen Piła zeigt, wie evangelisches Leben in der Diaspora wachsen und neue Menschen erreichen kann. Pfarrer Tomasz Wola begleitet diesen Weg seit vielen Jahren.

Die Geschichte der evangelischen Kirche in Piła, dem früheren Schneidemühl, reicht bis in die Reformationszeit zurück. Ende des 19. Jahrhunderts gehörten rund 12.000 Menschen zur evangelischen Gemeinde. Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt: Die Stadt wurde schwer zerstört, die deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben, die evangelischen Kirchen gingen verloren. Das Gemeindeleben kam nahezu vollständig zum Erliegen.

Erst in den 1990er-Jahren fanden wieder regelmäßig evangelische Gottesdienste in Piła statt, zunächst in Privatwohnungen und später in einer kleinen Kapelle. Am 1. April 1999 wurde die Evangelisch-Augsburgische Gemeinde offiziell neu gegründet. Ein wichtiger Schritt war der Bau der Johanniskirche, die 2011 eingeweiht wurde. Sie erinnert an die historische evangelische Kirche der Stadt und steht zugleich für einen neuen Anfang.

„Am Anfang war es schwierig, das Klischee zu überwinden, dass evangelisch deutsch ist“, erklärte Pfarrer Tomasz Wola rückblickend. Inzwischen ist die Gemeinde in der Stadtgesellschaft sichtbar. Dazu haben nicht nur der Kirchenbau, sondern auch die musikalischen und sozialen Aktivitäten beigetragen.

Seit 2006 ist Wola Gemeindepfarrer in Piła. Er kennt die Gemeinde aus unterschiedlichen Perspektiven: Bereits als Theologiestudent war er hier tätig. Heute gehören 110 Menschen zur Gemeinde. Neben Zuzügen haben auch Konversionen aus der katholischen Kirche und Taufen von Erwachsenen zum Gemeindeleben beigetragen. Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen. Sie suchen eine geistliche Heimat, in der sie ihren Glauben auf eigene Weise leben können. Die Gemeinde wirbt nicht aufdringlich um neue Mitglieder, sondern setzt auf persönliche Begegnungen und Offenheit.

Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Seit 2013 gibt es einen Chor, der bei Gemeindefesten und Konzerten auftritt. Gospelworkshops bringen Menschen unterschiedlicher Generationen und Konfessionen zusammen. Auch eine eigene Band gehört zum musikalischen Leben der Gemeinde. So entstehen Kontakte über die Grenzen der kleinen evangelischen Gemeinschaft hinaus.

Zum Profil der Gemeinde gehört ebenso die Diakonie. Eine Ausleihstelle für Rehabilitationshilfsmittel unterstützt Menschen, die auf praktische Hilfe angewiesen sind. Damit ist die Gemeinde nicht nur ein Ort für Gottesdienste, sondern auch eine Anlaufstelle für Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen.

Die Verantwortung reicht über die Stadt hinaus: Die Gemeinde betreut Evangelische in mehreren Landkreisen Nordgroßpolens und unterhält Filialgemeinden in Chodzież und Wągrowiec. Das erfordert viel Engagement, persönliche Kontakte und einen bewussten Umgang mit begrenzten Ressourcen.

Piła zeigt, dass es eine Vision braucht, damit der Gemeindeaufbau gelingt. Es braucht Menschen, die sich begeistern lassen und Gemeindeleitende, die sich öffnen für das,, was vor Ort gebraucht wird.