(Foto: Haaks)

Brasilien hat gewählt: Am 25. Oktober 2026 setzte sich Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (PT) in der Stichwahl mit 51,79 Prozent der Stimmen gegen Flávio Bolsonaro (PL) durch. Der knappe Vorsprung von gut 4,4 Millionen Stimmen zeigt, wie tief das Land politisch gespalten bleibt. Lula steht vor seiner vierten Amtszeit als Präsident. Aber der Wahlsieg bedeutet keineswegs das Ende des politischen Konflikts.

Für Unruhe sorgte die anschließende Ausreise Flávio Bolsonaros in die USA. Der unter Ermittlungsdruck stehende Senator verließ Brasilien wenige Tage nach seiner Wahlniederlage über Argentinien und Ecuador in Richtung Miami. Dabei missachtete er eine gerichtliche Anordnung, seine Pässe abzugeben und das Land nicht zu verlassen. Sein Bruder Eduardo Bolsonaro hält sich ebenfalls in den USA auf. Wie die politische Auseinandersetzung um das Erbe des Bolsonarismus weitergehen wird, muss sich zeigen.

Der Wahlkampf hat erneut gezeigt, wie stark Teile der evangelikalen Landschaft mit dem konservativen politischen Lager verbunden sind. 30% der Wähler kommen inzwischen aus dem evangelikalen bereich. Besonders einflussreiche Pfingstkirchen und ihre Führungspersönlichkeiten unterstützten Flávio Bolsonaro. In manchen Gemeinden wurde die politische Auseinandersetzung unmittelbar von der Kanzel geführt. Dabei wurden auch religiöse Ängste geschürt und politische Gegner mit antichristlichen Positionen gleichgesetzt.

Nach der Niederlage reagierten führende evangelikale Persönlichkeiten unterschiedlich. Pastor Silas Malafaia von der Assembleia de Deus Vitória em Cristo erklärte, er bedaure das Ergebnis, erkenne aber die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler an.

Die katholische Bischofskonferenz gratulierte Lula und seinem Vizepräsidenten Geraldo Alckmin zur Wiederwahl. Zugleich mahnte sie, die Polarisierung nicht zum bestimmenden Merkmal der kommenden Regierungszeit werden zu lassen. Brasilien brauche konkrete Zeichen der Versöhnung, Respekt vor unterschiedlichen Positionen und eine Stärkung der demokratischen Institutionen. Besonders die Armen und gesellschaftlich Verwundbaren müssten im Mittelpunkt der Politik stehen.

Auch die Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) hatte sich vor der Wahl deutlich positioniert. In einer Erklärung vom 11. September 2026 betonte ihre Kirchenleitung, dass sie keine Parteien oder Kandidaturen empfehle. Sie rief ihre Mitglieder vielmehr dazu auf, Wahlentscheidungen frei, bewusst und verantwortungsvoll zu treffen. Angesichts von Polarisierung und Falschinformationen müsse die Kirche für Wahrheit, Versöhnung und einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Meinungen eintreten. Ihr Bezugspunkt war dabei das Wort Jesu: „Der Friede sei mit euch!“ (Johannes 20,21).

Die brasilianischen Kirchen stehen vor einer wichtigen Aufgabe. Sie müssen Räume bleiben, in denen Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen miteinander leben und glauben können. Gerade die IECLB mit ihrer lutherischen Tradition und ihrer ökumenischen Verbundenheit kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Gleichzeitig zeigt sich auch in der IECLB, dass ihre Mitglieder ein Spigel der Gesellschaft sind. Deshalb ist umso wichtiger, dass die lutherischen Gemeinden Orte der Verständigung, des Dialogs und der Versöhnung sind. Das einzüben fordert viel Fingerspitzengefühl.

Die Wahl hat gezeigt, dass sich hristlicher Glaube nicht auf eine politische Richtung festlegen lässt. Er verpflichtet vielmehr dazu, Demokratie, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und die Freiheit des anderen zu schützen. In einem polarisierten Brasilien ist das eine anspruchsvolle, aber unverzichtbare Aufgabe.