Das ungarische Parlament in Budapest (Foto: Haaks)

Der April 2026 markiert eine Zäsur in Ungarn: Die Ära Viktor Orbán ist vorerst beendet, Péter Magyar übernimmt mit einer komfortablen Mehrheit die Regierung. „Wir haben uns befreit und ein ganz klares Hoffnungszeichen gesetzt für Europa und darüber hinaus. Solchen Enthusiasmus, Jubel über Freiheit und Demokratie haben wir spätestens seit 1989 nicht mehr erlebt“, schreibt ein Pfarrer aus Ungarn. Aber: Während in Budapest Aufbruch spürbar ist, reagieren die Kirchen zurückhaltend.

Sie reagieren bislang nicht offiziell auf den Machtwechsel. Dieses Schweigen folgt jedoch einer inneren Logik: Die Reformierte Kirche war lange regierungsnah, die lutherische Kirche pluraler, der Ökumenische Rat auf Ausgleich bedacht. In dieser Situation reagiert man eher zurückhaltend, statt sich vorschnell zu positionieren.

Eine ungarische Kollegin bringt es auf den Punkt: Noch sei unklar, welchen Kurs die neue Regierung gegenüber den Kirchen einschlagen wird. Man warte ab, bis konkrete Signale kommen. Bis dahin bleibt Distanz ratsam.

Gerade jetzt gewinnen die mahnenden Worte von Alt-Bischof Gusztáv Bölcskei an Gewicht, die er 2010 in einer Predigt an die damals neu gewählte Regierung unter Viktor Orbán richtete: Politische Führung solle sich an der Verantwortung für das Gemeinwohl im Land orientieren. Das dürfe nicht mit Popularität verwechselt werden. Entscheidend sei ein „menschlicher Maßstab“, der Orientierung gibt und über den Moment hinaus trägt. Demokratie beginne dort, wo Angst endet. Keine Angst vor anderen Meinungen, Herkunft oder Perspektiven – das sei ihr Kern.

In diesem Sinne steht Ungarn vor mehr als einem Regierungswechsel: Es geht um die Neubegründung eines gemeinsamen Freiheitsverständnisses – und um die Demokratie.

Insofern sind alle gesellschaftlichen Akteure gefordert, das demokratische Miteinander zu stärken. Denn Kirche und Religion brauchen Demokratie. Was es bedeutet, wenn Religion für eigene Zwecke missbraucht wird, erlebt man im Amerika Trumps.

Sehr empfehlen kann ich das aktuelle Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.“

Enno Haaks