
Der Mittlere Osten gilt als Wiege des Christentums. In Damaskus wurde der Apostel Paulus bekehrt und getauft. Bewegend ist es, dort in dem Haus des Hananias zu stehen. In der großen Umayyaden-Moschee der Stadt befindet sich ein Schrein, der der Überlieferung nach das Haupt Johannes des Täufers beherbergt. Ursprünglich stand hier eine christliche Kathedrale.
Der gesamte Mittlere Osten ist heute eine Region tiefgreifender Krisen. Krieg, Vertreibung, wirtschaftliche Not und gesellschaftlicher Druck haben die christlichen Gemeinschaften stark geschwächt. Ihre Zahl sinkt rapide, ganze Orte verlieren ihre jahrhundertealte christliche Präsenz. In Syrien gab es vor dem Krieg 2011 ca. 11-12 % Christen. Heute schätzt man, dass höchsten 1-2 % der Bevölkerung sich zum christlichen Glauben bekennt.
Nach Meinung des armenisch-evangelischen Pastor Paul Haisdostian aus Beirut lautet die zentrale Frage an die Kirchen und ihre Gläubigen nicht nur, was geschieht, sondern wie Kirche darauf antwortet. Christlicher Glaube, so seine Überzeugung, darf sich nicht auf bloßes Überleben reduzieren. Kirche ist nicht berufen, lediglich Entwicklungen zu dokumentieren, sondern aktiv Zeugnis für Christus abzulegen. Das eben auch mitten im Leid.

Viele Christinnen und Christen in der Region leben zwischen tiefer Verwurzelung und wachsender Erschöpfung. Sie sind stolz auf die eigene Tradition, aber es mischt eine Zukunftsangst damit. International wird ihr Schicksal oft in Statistiken verhandelt: Wie viele bleiben? Wie lange noch? Doch „Mission lässt sich nicht in Zahlen messen. Sie gründet auf Treue, nicht auf Mehrheiten,“ so Haidostian.
Gleichzeitig bitten die evangelischen Partner im Mittleren Osten, dass sie nicht vergessen werden. „Wenn wir ein Leib Christi sind weltweit, dann sind wir füreinander verantwortlich. Glaubwürdiges Zeugnis verlangt mehr als Solidaritätsbekundungen. Es braucht Nähe, Begegnung und konkrete Begleitung gefährdeter Gemeinschaften im Mittleren Osten. Das Vergessen kleiner Kirchen in Konfliktregionen ist selbst eine Form von Gewalt,“ so Haidostian. Und er betont dabei: „Die Liebe Christi ist Kern aller Hoffnung. Die bleibt. Seine Liebe ermöglicht eine Fülle des Lebens, die über bloßes Ausharren hinausgeht.“
Christliches Zeugnis im Mittleren Osten bedeutet heute, trotz Angst und Verlust an dieser Hoffnung festzuhalten – und als weltweite Kirche miteinander zu gehen.
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