
Zum ersten Mal habe ich von Maalula in dem Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami gelesen, der 2004 erschien – sieben Jahre bevor 2011 der Krieg in Syrien ausbrach. Ein Krieg, der unermessliches Leid über das Land gebracht hat. Schami erzählt darin die dramatische, verbotene Liebesgeschichte von Rana Schahin und Farid Muschtak im Damaskus des 20. Jahrhunderts. Zwischen zwei verfeindeten christlichen Familien, politischer Unterdrückung in der langen Zeit der Diktatur und ständiger Mordgefahr kämpft das Paar über Jahrzehnte um seine Beziehung. Immer wieder taucht dabei der geheimnisvolle christliche Ort Maalula auf wie ein stiller Zeuge von Hoffnung und Widerstand.
„Da musst du hin“, hatte mir mein armenisch-evangelischer Freund, Pastor Haroutune Selimian, immer mal wieder gesagt. Jetzt hat es endlich geklappt.
Am Abend in einem Pub in Damaskus fragte ich ihn, was Maalula für ihn bedeute. Haroutune antwortete:
„Für mich ist Maalula mehr als ein Ort auf der Landkarte Syriens. Es ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass der christliche Glaube seit über zwei Jahrtausenden tief im Nahen Osten verwurzelt ist. Als evangelischer Christ berührt mich, dass der Glaube, den wir aus der Bibel kennen, hier nicht nur Geschichte ist, sondern gelebte Wirklichkeit. Wir Evangelischen könnten mehr von diesem Geist gebrauchen, der an diesem Ort spürbar ist und von der langen, gelebten Tradition, in der auch eine Kraft zur Veränderung liegt. Unsere reformierte Tradition bräuchte etwas davon.“
Doch Maalula, in dem noch Aramäisch gesprochen wird, steht nicht nur für Kontinuität und Glauben, sondern auch für Leid und Zerstörung, die Syrien seit Jahren überschattet haben. Besonders das Jahr 2013 hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Christen des Landes eingebrannt.
Im September 2013 wurde Maalula von islamistischen Milizen, darunter Kämpfer der al-Nusra-Front, angegriffen. Kirchen wurden geschändet, Ikonen zerstört, Häuser geplündert. Viele Christen flohen in Panik aus dem Ort. Besonders erschütternd war die Entführung mehrerer Nonnen aus dem Kloster der heiligen Thekla – Frauen, die ihr Leben dem Gebet und dem Dienst an den Menschen gewidmet hatten. Sie seien nicht schlecht behandelt worden, erzählte eine der Nonnen bei unserem Besuch. Dennoch sei die Entführung ein zutiefst erschütterndes Erlebnis gewesen.
In diesen Ereignissen wurde sichtbar, wie verletzlich christliche Minderheiten sind – und wie schnell jahrhundertealtes Zusammenleben zerbrechen kann. Zugleich wurde aber auch deutlich, dass Glaube mehr ist als Gebäude. Die Christen von Maalula haben ihren Glauben nicht aufgegeben. Das Kloster der heiligen Thekla wurde wieder aufgebaut, und mit ihm ein Stück Hoffnung.

Der Titel von Rafik Schamis Buch „Liebe in Zeiten der Finsternis“ erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung. Auch wenn der Roman keine Chronik von Maalula ist, beschreibt er eindrücklich das Lebensgefühl in Syrien: Angst, Gewalt und Unterdrückung – und zugleich dieses trotzige „Dennoch“, aus dem Glauben heraus leben zu wollen. Ein Glaube, der Standhaftigkeit, Mut und Vertrauen auf Gott verlangt, gerade dann, wenn äußere Sicherheiten wegbrechen.
Am Abend, beim Gespräch im Pub in der Langen Straße in Damaskus, bringt Haroutune Selimian genau das auf den Punkt: „Es wäre leicht für mich zu gehen und das Land zu verlassen. Aber ich liebe meine Kirche und die Mission, die wir haben: Hoffnung sichtbar zu machen in Zeiten der Finsternis und der Unsicherheit – und zu zeigen, wie es für uns Christen im Ursprungsland des christlichen Glaubens weitergehen kann.“
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