Synodalsenior Pavel Pokorný (Foto: GAW)

Vom 5.-8. März fand die jährliche GAW-Exkursion für Studierende der Theologie und Gemeindepädagogik aus verschiedenen deutschen Fakultäten statt. Mit 19 Teilnehmenden ging es nach Prag. Sie erhielten Einblicke in Leben, Arbeit und Selbstverständnis der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická). Die Kirche zählt rund 50.000 Gemeindeglieder in 234 Gemeinden, organisiert in 14 Senioraten. Sie wird von 79 Pfarrerinnen sowie 154 Pfarrern getragen. Höhepunkte der Reise waren Begegnungen an der Theologischen Fakultät, Gespräche mit Synodalsenior Pavel Pokorný, Gemeindebesuche sowie ein gemeinsamer Abschlussgottesdienst in der deutschsprachigen Gemeinde in der Kirche St. Martin in der Mauer im Prager Zentrum.

In den Gesprächen wurde deutlich, dass kirchliche Arbeit in einem stark säkularisierten Umfeld vor allem eines braucht: Authentizität. „Glaube ist klasse – kommt zu uns“, das könne kein überzeugendes Programm sein, so Pavel Pokorný. Zahlen und Wachstum dürfen nicht das Zentrum sein. Viel wichtiger sei es stattdessen, Beziehungen zu knüpfen und Menschen zu begleiten. Die Kernkompetenz einer Pfarrperson liege im Aufbau von Beziehungen. Kirche müsse sich an den Menschen außerhalb ihrer eigenen Strukturen messen lassen. Ein Beispiel dafür ist eine Gemeinde im Prager Stadtteil Libeň, deren Gottesdienst bewusst als Feier aller Generationen gestaltet wird. Nach dem Gottesdienst bleibt etwa die Hälfte der rund 200 Besucher:innen noch länger beim Kirchkaffee zusamen. Viele engagieren sich auch aktiv: Rund 80 von ihnen arbeiten ehrenamtlich mit. Ergänzt wird der gemeinsame Gottesdienst durch kleinere Gruppen und Kurse zu Grundfragen des christlichen Glaubens. Einige Teilnehmende entscheiden sich anschließend für die Taufe. Die Aufgabe der Pfarrperson sei es dabei vor allem, all diese Gruppen zu begleiten.

Gespräch mit dem Pfarrer in Smichow

Zugleich zeigte sich, dass Kirche gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. In den Gesprächen wurde betont, dass bereits das Evangelium selbst politisch ist, ohne dass Kirche parteipolitisch werden sollte. Sie bringe eine eigene Perspektive in gesellschaftliche Debatten ein: eine Stimme für Menschen in Krisen und für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Hoffnung weiterzugeben und Gemeinschaft zu fördern, das seien heute zentrale Aufgaben, gerade weil beides in der Gesellschaft oft fehle.

Ein eindrückliches Beispiel für dieses Engagement ist die Geschichte des jungen Pfarrers Benjamin Roll, der während seines Studiums Mitinitiator der tschechischen Bürgerbewegung „Eine Million Gründe für Demokratie“ war. Ausgehend von einer studentischen Diskussionsgruppe entwickelte sich 2018 eine Petition gegen Korruption in der Regierung, die innerhalb weniger Wochen Hunderttausende Unterschriften sammelte. Daraus entstanden Demonstrationen mit bis zu 250.000 Menschen. Das waren die größten Proteste im Land seit der Samtenen Revolution 1989. Ziel waren nicht nur Protesteste, sondern auch die langfristige Stärkung einer demokratischen Kultur „von unten“, durch lokale Initiativen, Gespräche und gesellschaftliches Engagement. Nach Jahren intensiver politischer Arbeit entschied sich der Aktivist schließlich bewusst für den Pfarrdienst. Heute sieht er seine Aufgabe vor allem darin, Hoffnung weiterzugeben und Räume für Gemeinschaft zu schaffen. Kirche könne so lebendige Demokratie stärken.

Für viele der Studierenden war besonders eindrücklich, mit welcher Ausdauer und Zuversicht die tschechischen Partnerinnen und Partner ihren Weg gehen. Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt: „Ich sitze manchmal da und denke: kein Bock. Was soll das alles noch? Aber wenn man hört, wie in Tschechien die Partner:innen trotz aller Schwierigkeiten weitermachen, gibt mir das unglaublich viel Kraft.“

Die Begegnungen in Prag machten deutlich, wie Kirche auch in einer säkularen Gesellschaft glaubwürdig wirken kann: durch Authentizität, Gemeinschaft und die Hoffnung, dass Gott bereits mitten unter den Menschen am Werk ist. „Nicht wir machen das, sondern Gott ist immer schon da!“ so Pavel Pokorny.