
In den Schulen der National Evangelical Synod of Syria and Lebanon (NESSL) geht es um weit mehr als Unterricht. Es geht um Zukunft – und um das stille, aber wirksame Zeugnis des Evangeliums in einer Region, die von Krieg, Krise und Abwanderung geprägt ist.
Die Geschichte der NESSL beginnt mit der Missionsarbeit aus Europa und Nordamerika. Im 19. Jahrhundert kamen Missionare aus den USA, Dänemark, Irland, Schottland und Frankreich in den Nahen Osten. Sie gründeten Schulen, engagierten sich diakonisch und legten den Grundstein für eine evangelische Kirche, die bis heute fest in Syrien und im Libanon verwurzelt ist.
Bis zum Ausbruch des syrischen Krieges im Jahr 2011 war die NESSL weitgehend selbstfinanziert. Ausländische Partner waren kaum nötig. Diese Realität hat sich radikal verändert. Der Krieg in Syrien, die Flucht vieler Gemeindemitglieder und vor allem die wirtschaftlichen großen Probleme im Libanon haben die Kirche an ihre Grenzen gebracht.

Der Bankenkollaps von 2019 markierte einen Tiefpunkt. Innerhalb kurzer Zeit verlor das libanesische Pfund bis zu das 60-Fache seines Wertes. Rücklagen waren plötzlich wertlos, Gehälter kaum noch ausreichend zum Leben. Zwar stabilisiert sich die wirtschaftliche Lage langsam, doch die Wunden dieser Jahre bleiben.
Gerade in dieser Situation zeigt sich, welche Bedeutung die Schulen der NESSL haben. Im Libanon betreibt die Kirche sieben Schulen mit rund 8.500 Schülerinnen und Schülern. Monatlich müssen etwa 1.000 Gehälter gezahlt werden – für Lehrkräfte, Angestellte und Pastor:innen.
Der Unterricht ist bewusst dreisprachig angelegt: Englisch, Arabisch und Französisch. Bildung ist hier kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. Im Libanon besuchen rund 70 Prozent aller Kinder und Jugendliche private Schulen, weil das staatliche Bildungssystem vielerorts kaum noch funktioniert. Die Schulen der NESSL schließen diese Lücke – für christliche wie muslimische Familien.
Die Schulen der NESSL wollen nicht missionieren. Niemand soll zum Glauben gedrängt werden. Und doch ist der Anspruch klar: Das Evangelium soll sichtbar werden.
Schon vor dem Bürgerkrieg war diese Balance schwierig. In Regionen mit stark muslimischer Prägung gab es Spannungen. Forderungen nach konfessionell getrenntem Religionsunterricht standen im Raum – insbesondere nach islamischem Unterricht. Die Entscheidung der Kirche war konsequent und mutig: kein Religionsunterricht für alle.
Stattdessen setzt die NESSL auf gelebte Werte im Schulalltag: Respekt, Würde, Gewaltfreiheit, Verantwortung füreinander. Christlicher Glaube zeigt sich nicht im Lehrplan, sondern im Umgang miteinander. „Unsere Schulen sind die bessere Kanzel“, sagt deshalb bewusst Pfarrerin Najla Kassab.
In den Klassenzimmern begegnen sich christliche und muslimische Kinder auf Augenhöhe. Sie lernen gemeinsam, was Bildung bedeutet – und was Zusammenleben heißt. Viele Verantwortliche sagen überzeugt: Wer hier lernt, radikalisiert sich nicht. Die Schulen tragen so zu einem friedlichen Miteinander und zum gegenseitigem Respekt bei. „Das ist wichtig in einer zunehmend polarisierten Welt,“ so Najla.
Heute zählt die NESSL rund 20.000 Mitglieder – etwa 10.000 in Syrien und 10.000 im Libanon. Vor 20 Jahren waren es noch rund 25 Prozent mehr. Allerdings aktiv am Gemeindeleben beteiligt sind etwa 4.500 Menschen.
38 Gemeinden, 28 aktive Pastoren und 8 pensionierte Pastoren halten die kirchliche Arbeit in beiden Ländern der NESSL im Libanon und in Syrien aufrecht. Drei ordinierte Pfarrerinnen gibt es inzwischen. Es ist eine kleine Kirche – aber eine präsente.
Die Herausforderungen bleiben enorm in einer spannungsvollen Region.
Das Evangelium spricht leise – durch Schulen, durch Haltung, durch verlässliche Präsenz. Für das GAW ist die NESSL damit ein wichtiger Partner: eine Kirche, die unter schwierigen Bedingungen Hoffnung lebt und weitergibt.
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