
„Wir leben zusammen, wir lernen zusammen und wir beten zusammen“, sagt Dekanin Rima Nasrallah van Saane im Gespräch an der Near East School of Theology (NEST) in Beirut. „Wir sind auf die Kirchen bezogen und bilden für sie Pastor:innen und Christian Educators aus.“
Inzwischen hat sich die Ausbildung der Theolog:innen gewandelt. Sie erfordert heute eine größere Flexibilität. „Deshalb spielt die digitale Theologieausbildung eine zunehmend wichtige Rolle“, erzählt Rima. „In allen Programmen, die die NEST anbietet, sind derzeit rund 90 Studierende eingeschrieben.“
Die NEST ist seit ihrer Gründung im Jahr 1932 ein theologisches Zentrum, das weit über den Libanon hinauswirkt. Sie entstand aus dem Anliegen von vier protestantischen Kirchen, eine gemeinsame Ausbildungsstätte für Theologinnen und Theologen in einer religiös vielfältigen und politisch herausgeforderten Region zu schaffen. „Das kann man hier lernen“, sagt Rima. „Die Studierenden lernen die Kirchengeschichte des Mittleren Ostens kennen, die Vielfalt der christlichen Kirchen in der Region, ökumenisches Lernen und den interreligiösen Dialog.“ Inzwischen werden auch Arabisch-Sprachkurse angeboten. Für ausländische Studierende und Kontaktstudierende – etwa Pastor:innen in einem Sabbaticalsemester – sei die NEST zudem ein sehr guter Lernort.
Studierende aus unterschiedlichen Ländern und Konfessionen lernen hier gemeinsam, setzen sich mit Bibel, Theologie und gesellschaftlicher Verantwortung auseinander und werden auf ihren Dienst in Kirche und Gesellschaft vorbereitet. Für die Armenische Evangelische Kirche und die National Evangelical Synod of Syria and Lebanon (NESSL) – beides Partnerkirchen des GAW – ist die NEST von großer Bedeutung: Viele ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer haben hier studiert und ihre geistliche Prägung erfahren.

Auch für Armenien spielt die NEST eine wichtige Rolle. Sie ist ein Ort, an dem armenisch-evangelische Theologie im Dialog mit anderen protestantischen Traditionen weiterentwickelt wird und an dem Erfahrungen von Minderheit, Diaspora und gesellschaftlichem Umbruch reflektiert werden können.
„Die Lehrsprache ist überwiegend Englisch. Aber auch Arabisch und Armenisch gewinnen zunehmend an Bedeutung“, sagt Rima.
Die aktuelle Situation stellt die NEST jedoch vor große Herausforderungen. Die politischen und militärischen Entwicklungen nach dem 7. Oktober 2023 haben die ohnehin fragile Lage im Libanon weiter verschärft. Wirtschaftliche Not, Unsicherheit und Zukunftsängste prägen den Alltag von Studierenden und Lehrenden. Umso deutlicher wurde beim Besuch des GAW, wie wichtig die NEST als Ort der Stabilität, des Nachdenkens und der Hoffnung ist.
Die NEST verfügt über ein eigenes Gebäude, das zunehmend auch als Einnahmequelle an Bedeutung gewinnt. So gibt es etwa ein Volleyballfeld in den Untergeschossen, das an eine nahegelegene Schule vermietet wird. Hinzu kommen Mieteinnahmen aus Wohneinheiten. Nach wie vor wichtig bleiben jedoch die ausländischen Partner, die die NEST fördern. Auch hofft man, das Stipendienprogramm für ausländische Studierende wieder aufleben lassen zu können.
Ob Studierende aus den beiden Partnerkirchen des GAW zu einem Kontaktstudium nach Deutschland kommen können, wäre eine gute Chance, die Vernetzung des GAW mit der Region weiter zu vertiefen. Gleichzeitig spielt eine Rolle, dass das Studiensystem in Deutschland bislang keine englischsprachigen Bachelor- und Masterstudiengänge in der Theologie anbietet, sodass die Anrechnung von Studienleistungen schwierig sein kann. Im Gespräch wurde verabredet, hierzu weiter im Kontakt zu bleiben.
Auf jeden Fall gilt: Die NEST ist mehr als eine Hochschule. Sie ist ein geistliches und theologisches Herzstück protestantischen Lebens im Mittleren Osten – und ein unverzichtbarer Partner für Kirchen weltweit.
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